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  1. 1 point
    Das hatte ich im Heft auch gelesen und wollte eigentlich etwas dazu schreiben, hätte es aber fast vergessen. Merkwürdig, daß der Artikel erst jetzt erschien. Es ist wohl soetwas wie journalistisches Füllmaterial zu handeln, denn die Monographie von Murray Pittock, die einer der Aufhänger ist, erschien ja schon im letzten Jahr; offensichtlich aus Anlaß des 260. Jahrestages der Schlacht im letzten Sommer. Der komplette Artikel war ja nicht online, sondern vorerst nur im Heft zu lesen, aber das war ein fragwürdiges Vergnügen. In der Vorstellungswelt des Verfassers spielte sich das "Blutbad im Moor" folgendermaßen ab: "Die Soldaten schossen mit Mörsern und Musketen aufeinander. Auch Schwerter kamen noch zum Einsatz; Gliedmaßen wurden ohne Skrupel abgeschlagen." Auch das noch, ohne Skrupel! Gedärme "quollen aus den Körpern der Geschundenen" und "Minibomben" rissen unbehandelbare Wunden. Ich möchte annehmen, daß dieses Wortgekröse der geschundenen Tastatur des Spiegel-Qualitätsjournalisten entquollen ist und sich nicht entsprechend in der Monographie von Murray Pittock oder dem Artikel von Ciro Paoletti findet, auf die er sich bezieht. Natürlich ist der Spiegel-Artikel nicht durchgehend beschaffen wie die o.g. Stelle, aber aufgrund seiner makellosen Ahnungsfreiheit war es dem Redakteur wohl nicht möglich, Pittocks Erkenntnisse sinnvoll darzustellen. Pittock glaubt wohl, die Jakobitenarmee rehabilitieren zu müssen. Die "Kiltkämpfer", wie es im Artikel in traditionell-dümmlicher Spiegel-Diktion heißt, sollen besser ausgerüstet und professioneller strukturiert gewesen sein, als bisher dargestellt. Als Argument für die ausreichende Ausrüstung mit Feuerwaffen führt der Artikel einen von Kugeln durchlöcherten britischen Offiziersrock an. Klar, das überzeugt mich restlos davon, daß die Schotten quasi gleichwertig mit Musketen bewaffnet waren. Und die "Highland Charge" als Beleg für zeitgemäße Taktik, ach ja? Oder auch eher gerade nicht? Bei Falkirk hatte das noch Erfolg, aber bei Culloden endete diese Taktik schlecht für die Jakobiten, was nicht erwähnt wird. Und inwiefern ist es ein Indiz für militärische Kompetenz, daß die Offiziere der Schotten "mit den Höfen Europas vertraut" waren? Heißt das, wer eine Polonaise tanzen kann, beherrscht auch problemos die taktischen Evolutionen der Truppenformationen auf dem Schlachtfeld? Interessanter Gedanke. Soweit zum eigentlichen Schlachtgeschehen. Es ging Pittock und wohl vor alelm Paoletti weitherhin um die hypothetischen Erwägungen - was wäre geschehen, wenn der Young Pretender die Schlacht gewonnen hätte. Es mag ja ganz interessant sein, ein was-wäre-wenn durchzuspielen, weil man dann erkennt kann, an welchen Zufällen weltgeschichtliche Entwicklungen oft hängen. Doch, wie Speedy ja schon anmerkte, man könnte auch jedes andere x-beliebige Ereignis zum hypothetischen Wendepunkt der Weltgeschichte hochstilisieren, nicht wahr. Ein paar schicksalhafte Fügungen, und Angela Merkel hieße heute Aniela Kazmierczak und wäre im Kanzlerbunkeramt vielleicht nicht als Bundeskaiserin, sondern als ehrbare Raumpflegerin tätig, oder als Apothekerin in Szczecinek. Die Sache mit Alois Schicklgruber, einer schicksalhaften Namensänderung und einem üblen Sohn ist ja der Klassiker. Hätte er werden können, was er geworden ist, wenn er nicht so, sondern so gehießen hätte? Was wäre passiert, wenn Napoleon Waterloo gewonnen hätte - hätte er den Krieg nicht höchstwahrscheinlich dennoch verloren? Könnte Entsprechendes auch für Bonnie Prince Charlie und Culloden gelten? Und selbst wenn er als Folge der Schlacht den schottischen Thron für die Stuarts hätte zurückgewinnen können - doch wohl schwerlich auch den englischen? Erstaunlicherweise scheint Paoletti das aber anzunehmen. Wäre schon interessant zu wissen, weshalb er zu dieser Annahme kommt - Culloden war nun doch verdammt weit von London entfernt. Und dann, so Paoletti, wäre das ganze Bündnissystem Europas durchgerüttelt worden, daher kein Unabhängikeitskrieg. "Ach richtig, sagt Pittock, eine Kleinigkeit wäre da noch: Hätte Charles Steuart gewonnen, wäre der Welt wohl auch ein US-Präsident Donald Trump erspart geblieben". Hahahaha. Klar, daß der Qualitätspressler das zum Schlußwort seines Elaborats machen muß. Beim Jakobiten-Feldzug war die Nachschublage ja ziemlich katastrophal, wie sogar im Artikel erwähnt wird. Einen Feldzug, dessen Logistik völlständig von einem mäßig zuverlässigen Alliierten wie den Franzosen und dann auch noch vom Nachschub über den durch den Gegner extremst gefährdeten Seeweg abhängig ist, könnte man als von vornherein zum Scheitern verurteilt betrachten. Welche Beispiele für eine erfolgreiche Invasion über See in der Zeit gibt es denn überhaupt? Die Einnahme von Quebec vielleicht? Könnte man ja mal mit dem französisch-schottischen Unterfangen vergleichen - ich denke, die Briten hatten da wohl logistisch weit mehr aufgeboten. Übrigens, auch angenommen, der Stuartprinz hätte die Königreiche in Personalunion vereinigt - wie lange wohl? Der Versuch des Young Pretender, wieder Fuß zu fassen, war ja nicht der erste. England hatte sich ja bereits zweier verhaßter Stuartkönige entledigt, Karls I. durch Dekapitation, Jakobs II. durch die Glorious Revolution. Jakob selbst, und dann sein Sohn, der Old Pretender, hatten beide erfolglos den Thron zurückgewinnen wollen. Bonnie Prince Charlies Expedition war der letzte, wenn auch sicher am weitesten gekommene, in einer ganzen Reihe vergeblicher Rückkehrversuche. Die Monographie von Murray Pittock: Culloden. Oxford University Press 2016. Culloden. Oxford University Press 2016. Der Artikel von Ciro Paoletti, den der Spiegel-Redakteur wohl nicht zu benennen vermochte, ist: The Battle of Culloden: A Pivotal Moment in World History. Journal of Military History . Jan 2017, Vol. 81 Issue 1, p187-198. Der Qualitätsartikel im Spiegel: Verkehrte Welt. Eine Schlacht im schottischen Moor entschied 1746 über das Schicksal der Großmächte. Hätte es bei einem anderen Ausgang die französische Revolution oder die USA jemals gegeben? Spiegel No 5/2017, S. 108-109. Zur Order of Battle siehe den Wikipedia-Artikel
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