Reenactment?
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Ich bin jetzt mal der Advocatus Diaboli: In diesen Tagen, wo sich die Schlacht von Jena zum 200. Mal jährt, findet man in vielen Medien Hinweise auf die Schlacht. Der MDR überträgt „live“ vom Schlachtfeld, Großbildleinwände wie zur WM wurden jedoch noch nicht gesichtet, und viele Menschen schauen sich das Spektakel mit der Familie an und trinken danach noch gemütlich Kaffee.

 

Bagatellisieren diese „Kostümfeste von Traditionsvereinen“ den Krieg und das damit verbundene Leid der Menschen? Welchen historischen Mehrwert hat das Reenactment von Schlachten tatsächlich oder ist es nur ein militantes Rollenspiel? Nicht umsonst ist der Artikel über Jena bei Spiegel im Panorama gelandet und nicht im wissenschaftlichen Teil.

 

Ist es nicht albern, wenn eine paar Menschen versuchen Ereignisse darzustellen, an denen tatsächlich Hunderttausende teilgenommen haben?

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Ein Bericht über diese Veranstaltung hätte wohl nirgends einen Platz in einer Wissenschafts-Rubrik finden können, selbst nicht bei einer zweifelhaften Illustrierten wie dem "Spiegel". :o

Was da gestern im TV zu sehen war, fand ich nicht besonders realistisch oder beeindruckend. Vermutlich ist die ganze Angelegenheit für die Akteure weit interessanter als für Zuschauer.

Allerdings sehe ich keinen Anlaß, eine angebliche Bagatellisierung oder gar Verherrlichung des Krieges zu beweinen; tut das überhaupt jemand? Im Zweifelsfall wären die Reenactoren über die realistischen Verhältnisse der Zeit ohnehin besser informiert als ihre Kritiker.

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Hallo Ihr Beiden,

 

ich war in Jena - vor allem wegen einer ausführlichen Schlachtfeldbegehung (die auch fürs Internet Früchte tragen wird) - und habe dabei natürlich auch das Reenactment besucht.

 

Meine Kritik dazu werde ich noch in Kürze schreiben, soviel aber schon jetzt zu Euren Äußerungen - ich finde auch, dass diese Veranstaltung nicht dazu taugt, sich ein Bild über das tatsächliche Geschehen der damaligen Zeit zu machen ... es ist (teilweise) nett anzuschauen, beeindruckend die akustische Situation (bei Kanonensalven) und die Geschwindigkeit von Kavallerieevolutionen. Aber das Chaos, die Wucht, das Leid etc. der vor 200 Jahren dort im vollen (Todes-) Ernst kämpfenden Soldaten kann die Veranstaltung natürlich (und zum Glück) nicht zeigen.

 

Ich habe im 1806er Portal begonnen, meine Photos zu veröffentlichen, hier der Link zur Galerie des Portals

 

Markus Stein

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Hm, die Berliner Zeitung hat heute etwas von 32000 Zuschauern und 16000 Darstellern geschrieben.in der Rubrik Vermischtes.

 

Bei der grössten Nachinszenierung der damaligen Ereignisse kamen 1000 Gewehre, 24 Kanonen und 1oo Pferde zum Einsatz (Anmerkung Farquhar: :o Was haben die anderen gemacht?? Mit Knüppeln gekämpft??)

 

" Wir sind eine grosse Familie" äusserte sich Robert Heyne von der Veranstaltenden Arbeitsgemeinschaft Iena 1806 gegenüber der Berliner Zeitung. keinesfalls wolle man den Krieg verherrlichen," Wir bewahren Geschichte und tragen damit auch zur Völkerverständignung bei" , so Heyne weiter.

 

An den beiden Schlachten waren damals 240000 Soldaten beteiligt, rund 35000 wurden getötet oder verletzt.

Zum Gedenken läuteten die Kirchenglocken der Region am Samstag eine halbe Stunde ( dpa.AP)

 

 

Gruss,

Farquhar

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Reenactment scheint wirklich die Gemüter zu spalten. Entweder man liebt es oder man hasst es. Ich liebe es nicht, denn mir erschliesst sich der Sinn der ganzen Sache nicht so recht. Es erinnert mich ein wenig an die Indianerspiele meiner Kindheit - nur mit Anspruch.

 

Dabei kann ich es durchaus verstehen, wenn jemand alte Uniformen oder Waffen nachbaut oder sammelt. Nur das Nachspielen von historischen Ereignissen sollte man doch lieber (hoffentlich) guten Film- oder Theaterproduktionen überlassen.

 

Reenactment wirkt nunmal leider immer etwas wie Fasching oder Kindergeburtstag und

verharmlost in meinen Augen damit Schmerz, Blut, Dreck und Angst.

 

Wie gesagt, ich liebe es nicht.

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Ich werfe einfach einmal ein Gedicht von Berthold Brecht in die Diskussion. Es hängt über meinem Schreibtisch,

weil es, in meinen Augen genau das ausdrückt, was Reenactment/living history leisten kann:

 

Fragen eines lesenden Arbeiters

Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Königen

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon

Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern

Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?

Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war

Die Maurer? Das große Rom

Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtet sie? Über wen

Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz

Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis

Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang

Die ersaufenden nach ihren Sklaven.

 

Der junge Alexander eroberte Indien?

Er allein?

Cäsar schlug die Gallier.

Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte

Untergegangen war. Weinte sonst niemand?

Friedrich der Zweite siegte im Sieben-Jährigen Krieg. Wer

Siegte außer ihm?

 

Jede Seite ein Sieg.

Wer kochte den Siegesschmaus?

Alle zehn Jahre ein großer Mann.

Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte.

so viele Fragen.

 

Dieses Gedicht bringe ich gerne mit Reenactment in Verbindung, da ich durch dieses Hobby viele Sachen in Erfahrung brachte, die ich sonst wahrscheinlich nie in ERfahrung gebracht hätte.

 

Meine alte Geschichtslehrerin war eine verkappte Verehrerin des korsichen Zwergs und sie erzählte uns des öfteren, daß jeder französische Soldat "den Marschallstab im Tormister trug" (In Wirklichkeit trug er eine Flasche Branntwein darin, um sich die bevorstehende Schlacht "erträglich zu saufen". Erzählt's aber bitte keinem weiter :D ) Aber unter welchen Bedingungen der einfache französische Soldat sein Leben fristete, erzählte sie uns nicht.

 

Sicherlich: Die wahren Grauen des Krieges bleiben bei jedem Reenactment sowohl den Darstellern als auch den Zuschauern verwehrt.

Letzdendlich fußte die Schnelligkeit der "Grande Armee" darauf, daß man auf den Train verzichtete.

Da der Train aber üblicherweise auch die Zelte der Soldaten mit sich führte, schliefen die französischen Soldaten bei Wind und Wetter unter freiem Himmel. Und wenn Zeit genug war, bauten sie sich solche Biwaks.

post-25-1161990583_thumb.jpg

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Natürlich blieb dem einfachen Soldat unter solchen Bedingungen nicht mehr viel Zeit und Gelegenheit, sich um seine persönliche Hygiene, geschweige denn um die Reinigung seiner Uniform zu kümmern.

Erst durch "Reenactment" kam ich auf den Trichter, daß die Soldaten zur zeit Napoleons nicht in tollen blauen Uniformen mit strahlend weißen Hosen und Westen in die Schlacht zogen (Wie man es von alten Schlachtgemälden oder von Film und Fernsehen her kennt)

Aller Wahrscheinlichkeit sahen sie wohl eher aus, wie die Darsteller auf dem unten gezeigten Photo:

post-25-1161991153_thumb.jpg

 

Alles in allem hat genau hier Reenactement seine Berechtigung: Für den Zuschauer kann es als Korrektiv sein.

Wenn es denn wissenschaftlich redlich organisiert wird. Es gibt in diesem Bereich auch viele Leute, die pfuschen.

Angefangen bei den unsäglichen Mittelaltermärkten, bis hin zu den sog. (vereinstümelnden) "Traditionsvereinen"

Für den Darsteller kann Reenactment eine großartige Erfahrung sein, einen Aspekt der Geschichte nachzuerleben!

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Der "proletarische" Dichter Brecht hat mit seinem Gedicht m. E. allenfalls einen rhetorischen Sieg über Caesar und Alexander errungen. Tatsächlich hat nicht Caesars Koch, sondern Caesar, der die Gallier geschlagen. "Proletarier" haben Steine für byzantinische Paläste geschleppt, aber sie haben lediglich den Entwurf ausgeführt. Was ist die proletarische Biene ohne ihre Königin?

 

Die Reenactment-Veranstaltung von Jena und Auerstedt, die ich da im Fernsehen sehen konnte, konnte wohl schwerlich dem Zuschauer allzuviel über "1806" verraten. Jeder, der nur ein kleines bischen Ahnung hatte, sah natürlich sofort die österreichischen Artilleristen oder Landwehrmänner von 1813, die dort nichts zu suchen hatten. Ich schätze, dem unbefangenen Zuschauer konnte das nicht mehr über die napoleonsiche Zeit sagen als ihm etwa ein Besuch auf einem "Mittelalter-Markt" über das "Mittelalter" (ein Zeitraum von etwa 1000 Jahren immerhin) gegeben hätte. Vermutlich war es letztlich wohl weder die Absicht der Zuschauer, noch der Darsteller, ernsthaft "1806" zu erleben bzw zu inszenieren, sondern halt einer lustigen Veranstaltung mit ein wenig Knallerei und bunten Uniformen. Dabei sind zweifellos Leute mit viel Wissen und auch toller Ausrüstung dabeigewesen; das Gesamtbild war allerdings ein anderes. Und dem nachforschende, aktive Darsteller, für den die Veranstaltung nur ein kleiner Teil des Hobbys ist, wird die Sache trotzdem Spaß gemacht haben. Vielleicht hat er festgestellt, daß irgendein Ausrüstungsteil nicht feldgerecht war und kann sich ein paar Gedanken darüber machen, aber das bringt dem Zuschauer nichts. Darum meinte ich oben, daß es für die Darsteller möglicherweise interessanter war als für Zuschauer.

 

 

Interessanter als Schlachtennachstellungen wie jene bei Jena/Auerstedt fand ich einmal eine Veranstaltung, bei der römische Handwerkskunst und z.B. die Ausrüstung eines Legionärs vorgeführt wurde. Aber sobald auch in diesem Bereich irgendwelche Action-Szenen inszeniert werden, wirds dann auch hier wieder leicht zweifelhaft, das kann die Ausrüstung noch so toll sein.

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Also noch mal kurzgefaßt: ;) Zwar finde ich, daß Schlachten-Darstellung immer etwas merkwürdig ist, aber andere Aspekte - natürlich auch von militärischem- Reenactment oder Living History können sehr interessant sein.

Da muß man nur mal an die vielen großartigen und anscheinend ziemlich vorbildgetreuen Nachbauten von nordischen Schiffen des frühen Mittelalters denken ("Wikingerschiffe").

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Wie ich schon weiter oben schrieb, bei Reenactment scheiden sich die Geister. Für die Teilnehmer scheint es tatsächlich so etwas wie erlebte Geschichte zu sein, auf Zuschauer wirkt es halt manchmal eher wie ein Klamauk. Trotzdem möchte ich durchaus anerkennen, dass es schon positiv ist, sich überhaupt mit Geschichte auseinanderzusetzen.

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