Dumas d.Ä., Der Graf von Monte Cristo
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Alexandre Dumas d. Ä. veröffentlichte 1844/46 einen der sicher berühmtesten Abenteuerromane der Weltliteratur: Le Comte de Monte-Cristo. Das Leitmotiv der Geschichte ist natürlich Rache; was insgesamt vielleicht gar nicht so auffällt ist, daß auch die politischen Verhältnisse des Nachkriegsfrankreich dabei auch eine gewisse Rolle spielen.

 

 

 

Die Geschichte beginnt mit der Rückehr des Handelsschiffs Pharao nach Marseille unter dem Kommando des jungen Edmond Dantes, der für den auf der Reise verstorbenen Kapitän eingesprungen ist. Ohne es zu ahnen, ist Dantes dabei, in politische Verstrickungen zu geraten: der Kapitän war Bonapartist und hat Dantes einen Brief aufgetragen, bevor er starb - der ist Dokument einer bonapartistischen Verschwörung, was Dantes wohl nicht begreift. Kollege Danglars, der Dantes die Karriere neidet, aber umso besser. Er intrigiert zusammen mit Fernand, der Dantes' Braut begehrt, und denunziert Dantes beim royalistischen Prokurator Villefort. Dieser erkennt zwar die Unschuld des Dantes, aber als er bemerkt, daß der gefährliche Brief an Noirtier, seinen eigenen, bonapartistischen Vater gerichtet ist, läßt er Dantes als Verschwörer im Chateau d'If verschwinden, denn Villefort fürchtet seine Karriere unter den Bourbonen. Villfort berichtet direkt in Paris über die Verschwörung, ohne aber seinene Vater zu verraten. Bemerkenswerterweise hat hier der König einen Auftritt. Um die Freilassung Dantes' bemüht sich nur der Reeder Morrel - ein Bonapartist. Mercedes gibt irgendwann die Hoffnung auf.

 

Dantes verschwindet für 14 Jahre im Gefängnis, wo er Abbe Faria kennenlernt. Auch Faria ist eine politische Figur, wenn ich mich recht entsinne war es sein Kampf für die Einigung Italiens (bei Erscheinen des Romans noch eine offene Angelegenheit) ins Gefängnis, und dann hat man ihn dort vergessen. Faria hilft Dantes, die Gründe für seinen Gefängnisaufenthalt, die Verschwörung, endlich zu begreifen; Faria wird Dantes' Lehrer und ist auch der Schlüssel für seinen späteren unermeßlichen Reichtum, weil er mit Dantes Kenntnis von Schätzen teilt, die seit Jahrhunderten auf einer Insel verborgen liegen.

 

Nach der Flucht, die Dantes nur gelingt, weil er bei der "Bestattung" den Platz des verstorbenen Freundes Faria einnimmt, verbringt Dantes weiter Jahre damit, den Schatz in Besitz zu nehmen, zu Reisen, Verbindungen zu knüpfen und die einstigen Wohltäter, die Familie des Reeders Morrel, zu belohnen .

 

Schließlich gelangt Dantes nach Paris. Die Darstellung der "Gesellschaft" in Paris beschränkt sich weitgehend auf die Häuser Danglars, Morcerf und Villefort, die Feinde Dantes' (die ihn aber nicht wiedererkennen). Danglars ist reicher Bankier und typischer Parvenü, der sein Ansehen durch Heirat mit einer hochstehendene Dame zu festigen suchte; diese verachtet ihn ebenso wie die gemeinsame, künstlerisch begabte und sapphisch angehauchte Tochter. Mit diesen Weibern fühlt er sich schon gestraft! Morcerf ist General mit politischen Ambitionen, der sein Glück in verschiedenen Feldzügen im Ausland gemacht hat; seine Frau ist Mercedes, die einstige Verlobte Dantes'. Hier spielte die politische Ausrichtung keine große Rolle. Interessant ist Villeforts Haus. Hier lebt noch der alte Bonapartist Noirtier in einem Winkel des Hauses seines nach wie vor royalistischen Sohnes. Noirtier ist mittlerweile vollständig gelähmt und kann sich mit der Außenwelt nur durch das Zwinkern mit dem Auge verständigen. Neben seinem treuen Diener kümmert sich nur seine Enkelin Valentine um ihn.

 

Es ergibt sich endlich für Dantes' Racheplan ein interssantes Problem dadurch, daß Valentine de Villefort den Sohn seines Wohltäters, Maximilien Morrel, liebt (Valentine hätte quasi als Kollateralschaden der Racheorgie fast den Tod erlitten). Zunächst aber gilt es die Heirat Valentines mit einem reichen, von Villefort ausersehenen Bräutigam Franz d'Epinay zu verhindern. Das schafft der scheinbar hilflose Noirtier auf spektakutläre Art : Er läßt Dokumente präsentieren, die darstellen, wie er (Präsident eines bonapartistischen Clubs) 1814 oder 1815 den Vater des Bräutigams, den General d'Epinay, in einem Duell tötete - und zwar, weil dieser, als er durch ein Mißverständnis zu einer bonapartistischen verschwörerischen Versammlung eingeladen wurde, nicht sein Ehrenwort geben wollte, Stillschwiegen zu bewahren. Nach dieser Eröffnung war die Heirat zwischen der Enkelin des Mörders und dem Sohn des Ermordeten natürlich unmöglich.

Die Liebe zwischen Valentine und Maximilien, wie auch die offensichtliche Wertschätzung Albert de Morcerfs, des Sohnes seiner ehemaligen Verlobten Mercedes mit seinem Feind Morcerf, läßt Dantes letztlich dazu zu erkennen, daß er mit der Rache fast zu weit gegangen ist. Besonders Valentine und Albert, die völlig unschuldig waren und mit den Verbrechen ihrer Eltern nichts zu tun hatten, und katastrophalerwiese auch Maximilien wären fast Opfer dieses Feldzugs geworden.

 

Der Handlungszeitraum umfaßt die Jahre 1814 bis etwa 1838; dieser beinhaltet das restaurierte Bourbonenkönigreich, die 100 Tage, das reinstallierte Königreich und die Julimonarchie von 1830. Letztere bestand noch, als der Roman veröffentlicht wurde - sie sollte aber wenige Jahre später, 1848, mit der Februarrevolution enden. Und die folgende Repblik wurde durch den bonapartistischen Staatsstreich von 1851 beseitigt! Eine politisch turbulente Zeit, und jedes der Regimes hinterließ seine Trümmer und ehemalige verbitterte Parteigänger, oder aber professionelle Opportunisten. Im "Monte Cristo" findet keine ideologische Auseinandersetzung statt, aber die Parteiungen an sich spielen eine Rolle. Etwas auffällig ist allerdings, daß die Sympathieträger (Morrel, Noirtier - obwohl letzerer durchaus grausam ist) Bonapartisten sind - dies scheinen die Leute mit Überzeugung und festen Werten zu sein. Villefort, der Royalist, ist vor allem Karrierist. Sein eigentlicher Fetisch ist die Justiz; Danglars ist zu vulgär, um irgendeine andere Ideologie zu haben als die des Geldes, und Morcerfs Stellung beruht auf seiner soldatischen Leistung. Dantes selbst ist unpolitisch, soweit ich mich entsinne. Sympathie für Bonapartisten auszudrücken, wie Dumas es im "Monte Cristo" tut, war vermutlich ohne Probleme erst im Julikönigreich möglich, das ja bekanntlich versuchte, die bonapartistische Bewegung für sich zu vereinnahmen.

 

Edited by McCool

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  • Similar Content

    • By Threepwood
      Heute wurde ich auf Thomas Alexandre Dumas aufmerksam gemacht. Der Vater von Alexandre Dumas der Ältere, dem Autor der Musketiere und dem Grafen von Monthe Christo, lebte von 1762 bis 1806. Geboren wurde er auf Haiti, diente später jedoch in der napoleonischen Armee.
      Seine LEbensgeschichte wird in dem Buch "Der schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo" erzählt und scheint wirklich interessant zu sein:

       

       

       

       

       

       


       


       
       
      https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas
       
      So schnell landet man auf meiner Merkliste!
    • By Threepwood
      Der Graf von Sainte-Hermine (Le chevalier de Sainte-Hermine) von Alexandre Dumas galt lange Zeit als verschollen. Erst seit 2009 ist der Roman in Deutschland erhältlich. Auch wenn ich ein großer Fan von Dumas bin, so habe ich noch nicht in den Roman hereingeschaut. Ein Kollege hat ihn mir jetzt wärmstens ans Herz gelegt. Hat jemand von Euch schon reingelesen?