Danke für die interessanten Fotos! Der "6thrate" ist ein netter Versuch (sollen eigentlich sowohl das ungetakelte als auch das getakelte nach demselben Riß gebaut sein?). Aber da ist den Modellbauern die Phantasie durchgegangen. Die Beherzigung von Mondfelds Tip, sich eine menschliche Figur im Modellmaßstab zu machen und mal auf dem Deck "herumspazieren" zu lassen, hätte hier vielleicht für Zurückhaltung gesorgt. Das Schiff hatte höchstwahrscheinlich keine Back. Die lichte Höhe - ohne Decksbalken - unter der Back hätte gerade 4 Fuß, also ca 1,20 m betragen. Sicher, die Menschen waren kleiner damals, aber... der
homo floresiensis ("Hobbit") war doch schon länger ausgestorben.

Dann auch noch der Ausbau der Back mit einem grotesk überproportionierten Glockenstuhl und zwei Platzraubenden gewundenen Treppen - sehr unwahrscheinlich. Diese Treppen behindern dann auch noch das 3. Pfortenpaar von vorn. Hinten mit den Treppen in etwa dasselbe Problem.
Angesichts der Schmalheit des Rumpfes vorne und des Umstandes, das da vielleicht noch das Bugspriet im Weg war, dürften die vordersten Pforten wohl als Stückpforten nicht benutzbar gewesen sein. Man kann darüber spekulieren, in welcher Höhe das Achterdeck tatsächlich hätte liegen sollen, aber diesem winzigen Schifflein noch eine Poop zu verpassen ist wohl etwas daneben. Das ungetakelte Modell kommt zu einer besonders schlechten Lösung, welche die runden Achterdeckspforten unbrauchbar macht. Da bleiben dann nur noch die 9 Pforten auf dem Oberdeck nutzbar.
Diese "Bewaffnungsreduzierung" würde gewissermaßen das Problem lösen, ob das Schiff ein 6thrate oder ein 5thrate sein soll. Irgendwie sitzt es da ganz merkwürdig zwischen den Stühlen, und der Plan wurde als 6thrate, aber auch mal als 5thrate bezeichnet.
Auf Flottenlisten findet man die größten 6thrates in den 1670ern und 80ern mit 18 Kanonen - es waren übrigens sehr wenige. Dann kommt bestückungsmäßig eine große Lücke, und die 5thrates fangen bei 28 an. Auf einer Liste von 1670 (Deane) hat allerdings der 5thrate Little Victory nur 26 Kanonen, der größte 6thrate Roebuck hat 20. Eine summarische Liste (immer etwas verdächtig, Derrick) für 1685 listet nur acht 6thrates auf, mit 4-18 Kanonen (ich denke nicht, daß alles 6thrates waren - vermutlich nur die unbekannte Zahl der Schiffe mit 12-18 Kan.), und es gib elf 5thrates von 28-34. Wenn man unterstellt, daß doch sämtliche Stückpforten bestückt gewesen waren, kommt man auf eine Gesamtzahl von 26 Kanonen. Wenn man die Stückpforten auf dem Achterdeck für Attrappen hält, sind es nur 20. Und wenn man das vorderste Pfortenpaar des Oberdecks für untauglich erklärt, jeweils 2 weniger, also 24 resp. 18.
Wie auch immer, die Modelle halte ich für nicht durchdacht. Erstaunlich, was in diesem Museum so ausgestellt wird. Man muß ja bedenken, daß dieses Schiff deutlich kleiner als eine Brigg der Cruizer-Klasse gewesen wäre- und dann diese pomphaften Treppen, Glockenstuhl und Hüttendeck! Schade, daß bei den Modellen keine Kanonen aufgestellt wurden. Das Gedränge hätte ich gern gesehen, besonders unter der Back und den Treppen. Bezeichnend finde ich auch, daß die Modelle unbelegten und unwichtigen Krempel zeigen; daß man ein Schiffs steuern können muß, wurde aber offenbar für nachrangig gehalten - auf den Fotos kann ich jedenfalls nichts erkennen, was nach einer sinnvollen Steuermöglichkeit aussieht. Eine Pinne unterm Achterdeck? Damit wäre der potentielle Kommandantenwohnraum wohl passé . Die Lösung wäre ganz einfach, aber nicht mit der Minipoop vereinbar. Tja, man muß eben Prioritäten setzen!
Übrigens sieht man auf dem Plan, daß auf dem oben sehr steil angeschrägten Vordersteven eine Löwenfigur placiert ist. Bequemerweise wurde die bei den Modellen natürlich ignoriert, weil der/die Erbauer sich das wohl nicht erklären konnten. Die allem Anschein nach
auf dem Steven befindliche Figur deutet darauf hin, daß das Bugspriet bei diesem Schiffe
neben dem Steven lag. Das gilt auch noch für ein oder zwei andere für Keltridge- Zeichnungen.