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McCool

Warum die Hotspur explodiert wäre

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Forester bereitet dem mokanten, detailversessenen Leser glücklicherweise immer wieder das Vergnügen kleiner, charmanter Fehler. Was für eine Freude, mal wieder einen zu finden!

Forester konnte natürlich seinerzeit nicht auf die große Zahl mehr oder weniger populärwissenschaftliger Bücher zurückgreifen, die es heutzutage gibt, daher ist ihm ein Mangel an Recherche nur in selteneren Fällen vorzuwerfen, wenn man dergleichen überhaupt vorhat.

 

Immerhin schrieb Forester so überzeugend, daß viele seiner Leser manche der falsch geschilderten Details tatsächlich ernstnehmen. Ein Beispiel sind die unsäglichen "Bombenketsches" mit denen er 1812 in der Ostsee herumgeschippert sein will (dieser Schiffstyp war in der englischen Marine seit einem guten halben Jahrhundert praktisch ausgestorben- es gab nur noch bombenwerfende Vollschiffe, die 13inch-Mörser trugen), oder auch das herausfliegende "Zündlochfutter".

 

Neulich las ich davon, daß einmal ein unter der französischen Küste operierender Kutter von einer Haubitz- oder Mörsergranate getroffen und zerstört worden war. Vielleicht hatte dieser Vorfall Forester zu einer Episode in "Hornblower auf der Hotspur" inspiriert. Ein Geschwader, zu dem auch die Hotspur gehört, treibt sich dicht unter Land herum, um die Franzosen zu ärgern. Dabei wird der Lugger (!) Grasshopper vom Feind beschossen und entmasted, dann fliegt er in einer gräßlichen Explosion in die Luft. Hornblower will die Überlebenden retten, und nachdem er an Bord genommen hat und zu entkommen sucht, fällt, allerdings durch die Takelage gebremst, eine französische Granate an Deck:

 

Hier an Deck rollte der Tod jetzt leise zischend auf ihn zu. Aber da das Schiff stampfte, änderte der rollende Tod mit wechselnden Neigungen des Decks flugs seinen Kurs und und beschrieb dabei tolle Kurven, weil ihn der Wulst um seine Mitte immer wieder aus der Richtung warf. Hornblower sah das dünne Wölkchen Rauch am Ende der brennenden Zündschnur, die nur noch ein Achtel Zoll lang war. Zum Überlegen war keine Zeit. Er sprang auf das Ding zu, als es gerade unschlüssig um seinen Wulst hin und hier schwankte, und drückte mit seiner behandschuhten Hand die Zündschnur aus. Um sicherzugehen, daß auch der letzte Funke erloschen war. rieb er sie kräftig zwischen den Fingern, rieb sie überflüssigerweise noch ein zweites Mal, ehe er aus seiner gebückten Haltung wieder hochkam.

 

Klingt das nicht wieder schrecklich plausibel? Ist es aber nicht! Abgesehen davon, daß Granaten zur fraglichen Zeit keinen Wulst um die Mitte besaßen, hatten sie auch keine "Zündschnur", sondern einen Säulenbrennzünder. Dieser bestand aus einem hölzernen Röhrchen, welches mit Satz gefüllt war, einer bestimmten Mischung aus Pulver und anderen Substanzen. Der Zünder befand sich innerhalb der Granate oder Bombe, lediglich ein kleines Stück zum Anbrennen des Zünders schaute heraus.

Warum keine Lunte? Bei der wäre doch auch die Brenndauer durch entsprechendes Kürzen der Lunte ganz einfach zu regulieren? Tja, wenn man eine Granate oder Bombe ins Rohr steckt, aus der eine Lunte heraushängt, ist es nämlich völlig egal, wie lang die zugeschnitten ist: Die Explosion der Treibladung des Geschützes wird schon dafür sorgen, daß die Lunte augenblicklich bis mindestens an die Eintrittsöffnung in die Granate abbrennt. Wenn man sich dann die Granate oder Bombe noch als eine randvoll mit Pulver gefüllte Holhkugel vorstellt, mußte sie eigentlich noch vor Verlassen des Rohrs krepieren.

 

Wenn nun also vor Hornblowers Füßen tatsächlich eine Granate mit Säulenbrennzünder herumgerollt wäre, deren Brennzeit nur noch derart knapp bemessen gewesen wäre, wie in obiger Textstelle geschildert, wäre unvweigerlich Hornblowers verfrühtes Ende gewesen, denn es hätte da keine Lunte zum Ausdrücken gegeben.

 

Diese Hotspur-Episode ist nicht die einzige, in der Hornblower Mörsern und Granaten begegnet. Wie bereits erwähnt, hatte er in der Ostsee zwei Mörserschiffe unter seinenm Kommando, und ich fürchte, dort haben wir es auch noch mit "Lunten" oder "Zündschnüren" zu tun (habe den "Kommodore" grade nicht zur Stelle, um nachzuschlagen).

Aber Forester lernte dazu. Hornblowers letztes Abenteuer mit Granaten fand in Westindien beim Ausräuchern eines Piratennests statt. Offensichtlich ist die ganze Episode doch nur um den finalen Auftritt des Mörsers herum konzipiert! :)

Und plötzlich haben wir es nicht mehr mit "Lunten" zu tun, sondern der Stückmeister hantiert tatsächlich mit hölzernen Zündern, und zwar "allerneuester Konstruktuion"! Hölzerne Zünder an sich waren natürlich nicht neu, denn es gab sie schon im 16. Jhdt, aber immerhin könnte es ein neuerlich verbessertes Muster gewesen sein. :)

Und Forester konnte seine früheren Irrtümer mit dieser Formulierung etwas verschleiern... :)

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Du hast ja schon die richtige Begründung zu Forresters Entschuldigung mitgeliefert. Spätere Autoren sollten uns aber nicht so leicht davonkommen. Ich versuche gerade, mich zu erinnern, welcher Autor beim Thema Mörser nicht mit Zündschnüren hantieren lässt. Ich glaube fast, selbst Pope (FA: Was er nicht über die Royal Navy weiss, ist es nicht wert gewusst zu werden) hat da wohl nur bei Forrester nachgeschaut.

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In "Krieg und Frieden" stieß ich auf eine andere Begegnung mit einer Granaten. Könnte es sein, daß Forester sich davon ein wenig inspirieren ließ? Zugegebenermaßen wird es mehr als eine Schilderung vom Aufklatschen einer Granate geben; aber natürlich kannte Forester auch "Krieg und Frieden" (er mokierte sich in "Meine Bücher und ich" darüber, daß es darin zuviele Namen gebe die man sich nicht merken könne, und daß dies der Grund sei, weshalb er das Werk nicht zur Weltliteratur zählen wolle).

 

Die Stelle findet sich im Umfeld der Darstellung der Schlacht von Borodino, also schon ziemlich weit hinten in "Krieg und Frieden".

"Vorsicht" hörte man das entsetzte Schreien eines Soldaten, und pfeifend wie ein Vögelchen im raschen Flug, das sich dann dabei auf die Erde niederläßt, klatschte zwei Schritte vom Fürsten Andrej entfernt, dicht neben dem Pferd des Bataillonskommandeurs, eine Granate mäßig laut auf die Erde. Das Pferd sprang zuerst beiseite, ohne danach zu fragen, ob es schön oder häßlich sei, seine Furcht zu zeigen, es schnaubte und bäumte sich, so daß es beinahe den Major abgeworfen hätte.

"Niederlegen" schrie der Adjutant und warf sich auf die Erde.

Fürst Andrej blieb unschlüssig stehen. Die Granate drehte sich wie ein Kreisel dampfend zwischen ihm und dem am Boden liegenden Adjutanten am Rand des Stoppelfeldes und der Wiese neben einem Wermutstrauch.

Ist das der Tod? dachte Fürst Andrej und betrachtete mit einem ganz neuen Gefühl der Mißgunst das Gras, den Wermutstrauch und das Rauchwölkchen, das aus dem sich drehenden schwarzen Ball aufstieg.

 

Natürlich passiert das Unvermeidliche.

 

Wir wissen ja, wie Hornblower mit der Granate umsprang; Fürst Andrej konnte sich dazu aber nicht durchringen. Das lag wohl nicht allein an seiner Schwermut und Lebensmüdigkeit, sondern wohl auch daran, daß es keine "Lunte" zum Ausdrücken gab. Denn Tolstois Granate dreht sich dampfend wie ein Kreisel (taumelt aber nicht um einen "Wulst" und "zischt" auch nicht wie die Foresters), aber das "Rauchwölkchen" stieg eben aus dem schwarzen Ball auf (hölzerner Brennzünder).

Als alter Artillerist mit Kriegserfahrung (Krimkrieg) hat Tolstoi offensichtlich besser bescheidgewußt als Forester.

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post-21-045765400 1310988924_thumb.jpg

 

...wohl nur mit italienischen Zündern möglich? :o

 

"Bivor's no kunt platzn,

Springt er hin wiar er steht,

Reißt in Zunder heraus,

Hat uns s'Lebn so gredt."

 

Bemerke jedenfalls: "Reißt in Zunder heraus". Das putzige Idiom verweist natürlich nach Österreich, und die Abbildung stammt aus einer Veröffentlichung über den Krieg in Italien 1848 ff, welcher das Attribut "patriotisch" anzuheften eine maßlose Untertreibung wäre.

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