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McCool

Die letzte Begegnung

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Vorsicht. Personen, welchen durch sogen. "Spoiler" die Freude an dieser Geschichte geraubt werden könnte, sollten mit dem folgenden Ausrufungszeichen aufhören, hier weiterzulesen!

 

Die chronologisch letzte (und äußerst kurze) Geschichte, die Forester seinem Seehelden gewidmet hat, beginnt unspektakulär auf Horatios und Barbaras Landsitz in Smallbridge bei schlechtem Wetter, der Seeheld sich bei Portwein vorm Kaminfeuer räkelnd. Nach Reflexionen über des alten Hornblowers Reichtum, Bordeaux, seine funktionierende Verdauung, seine Halbgöttin von Frau, revolutionäre Umtriebe auf dem Festland in diesem unruhigen Jahr 1848, begehrt unvermutet ein Fremder Einlaß. Dieser stellt sich anscheinend als "Mr Napoleon Bonaparte" vor.

Hornblower tut, was C.S. Forester wohl auch getan hätte, wenn jemand an seiner Haustür erschienen wäre und sich mit "Napoleon Bonaparte" vorgestellt hätte: er hält ihn für geistesgestört. Aus diesem klassischen Motiv - Verrückter hält sich für Napoleon - versucht die Geschichte nun ihren Witz zu schöpfen, indem Hornblower vorgeblich auf den Verrückten eingeht. Während Hornblower Mr Bonaparte möglicherweise, trotz der zugegebenermaßen nicht unrealistischen Begründung seines Erscheinens (Eisenbahnpanne) und Wünsche (ein Wagen nach Maidstone), die dieser äußert, einfach vor die Tür gesetzt hätte, erscheint gerade rechtzeitig Lady Barbara und interveniert zu Mr. Bonapartes Gunsten.

Nach einiger Zeit zeigt sich Mr Napoleon für die Dienste erkenntlich - die Hornblowers hatten ihm also durch die Stellung eines Wagens tatsächlich zur Erledigung der erwähnten wichtigen Staatsgeschäfte in Paris verholfen - bekommt Lady Barbara einen Saphir und Lord Hornblower - ausgerechnet - "Stern und Band eines Ritters der Ehrenlegion".

 

Foresters Einfall ist ja durchaus witzig, aber baut auf Voraussetzungen, die wohl bei näherer Betrachtung nicht gegeben sind. Das Spiel mit der Realität im "historischen Roman" ist aber nur dann wirklich reizvoll, wenn ihm ein gewisses Maß an Plausibilität innewohnt.

 

Die Frage, mit der die ganze Geschichte steht und fällt ist doch diese: wäre es tatsächlich möglich gewesen, daß Lord und Lady Hornblower noch nie etwas von Louis-Napoleon gehört hätten? Ich fürchte, nein, es sein denn, sie hätten sich in Smallbridge in einer Art Autismus bzgl Politik und Gesellschaft vergraben.

 

Das scheint aber nicht der Fall gewesen zu sein. Hornblower hat immerhin mitbekommen, daß Metternich gestürzt wurde, was übrigens im März 1848 geschah.

Louis-Napoleon dürfte 1848 bereits in ganz Europa bekannt gewesen sein. Als bonapartistischer "Prätendent" war er gewillt, das Erbe Napoleons I. anzutreten. 1836 versuchte er erstmals, in Straßburg zu putschen. Dies scheiterte, aber wer wurde begnadigt, unter der Bedingung, daß er in die USA ins Exil gehe. 1837 aber erschien Louis Bonaparte in der Schweiz, weil dort seine Mutter im Sterben lag. Dies provozierte einen internationalen Zwischenfall: Frankreich forderte von der Schweiz, den Prätendenten auszuweisen und ließ Truppen an der Grenze aufmarschieren. Louis Napoleon verschwand nach London, wo er ein sicher nicht unauffälliges Gesellschaftsleben führte und publizistisch tätig war. Schwer für die Hornblowers, ihn spätestens jetzt noch zu übersehen.

Von England aus setzte Louis Napoleon 1840 nach Boulogne über, um zum zweitenmal zu putschen. Auch dieser Versuch scheiterte kläglichst, und diesmal wanderte Louis-Napoleon in den Bau, wie man so schön sagt. Nach sechs Jahren Haft konnte er fliehen - wiederum nach England.

Die Februarrerolution 1848 (der Sturz des Bürgerkönigs) bot Louis-Napoleon die Möglichkeit, nach Frankreich zurückzukehren. Wir sehen also: Louis-Napoleon war definitiv zu prominent, um ihn im Jahre 1848 nicht zu kennen.

 

Umso merkwürdiger erscheint da, daß L-N im Gegenzug die Hornblowers zu kennen scheint; er begrüßt Lady Barbara mit den Worten: "Die schöne Lady Hornblower (..) Gattin des berühmtesten Seeoffiziers seiner der Navy Seiner Majestät, Schwester des großen Herzogs und doch vor allem bekannt und berühmt als die schöne Lady Hornblower."

Vorher allerdings, als er Hornblower begrüßt, äußert er nicht das Geringste seiner Kenntnis über den "berühmtesten" Seehelden, was nachträglich dann ziemlich seltsam erscheint: "Guten Abend, Lord Hornblower, wenn ich richtig verstanden habe."

Übrigens vielleicht ein wenig zu obszön oder mindestens arg gerontophil, die angebliche Schönheit einer Mittsechzigerin derart zu preisen, wie es Mr. Bonaparte hier tut.

 

 

Nun ist die Frage, wann genau die Begegnung der Hornblowers mit Louis Napoleon stattgefunden haben soll - in der Geschichte wird die Flucht Metternichs im März erwähnt, es muß also später sein.

Fakten: Am 27. Februar reiste Louis-Napoleon nach Frankreich, kehrte aber schon am 2. März wieder nach England zurück. Die weiteren Vorgänge sind zu komplex, um sie hier zu schildern. Jedenfalls erschien Louis-Napoleon erst am 26. September überraschend in der Nationalversammlung in Paris. Seine Präsidientschaftskandidatur wurde anscheinend erst im November bekanntgegeben (ca am 4.?), und am 10. Dezember wurde er zum Präsidenten gewählt.

Nach Foresters Geschichte lesen die Hornblowers sechs Tage nach der Begegnung eine Nachricht über die Kanditatur Louis-Napoleons, nachdem "noch ein weiterer Monat verstrichen war", erhielten sie ihre Geschenke, zu diesem Zeitpukt war der L-N bereits Präsident; insgesamt sind also etwa fünf Wochen seit der Begegnung vergangen, die dann Anfang November stattgefunden haben müßte. Das paßt natürlich nicht in den historischen Ablauf, weil L-N ja bereits seit September in Paris war.

Ein spektakuläres, dringliches Rennen nach Paris, um die Präsidentschaftswahl zu verkündigen, hat nicht stattgefunden.

Etwas mutwillig, nachdem er den berühmten Louis-Napoleon nicht gekannt hatte, ist Hornblowers Prophetie am Ende: "Der Bursche setzt sich auf den Kaiserthron, ehe du bis drei zählen kannst." Das wäre für niemanden eine Überraschung gewesen, der L-N kannte (also praktisch jeden) und eine Befürchtung vieler Zeitgenossen. Louis-Napoleon selbst hatte ja nichts anderes verkündet, als daß er dies wolle.

 

M.E. hat bei dieser Geschichte der originelle Gedanke Foresters leider nicht ausgereicht, die erheblichen Plausibiliätsschwächen zu überdecken. Immerhin ist die Geschichte insofern interessant, als sie verdeutlicht, daß Hornblowers Leben etliche "Epochengrenzen" überspannt. Sicher hätte Forester seinen Helden in der Zeit nach 1815 noch viele Abenteuer erleben lassen können, wenn ihm danach gewesen wäre. Nicht zu vergessen, Hornblowers vermeintliches reales Vorbild, Lord Cochrane, hätte sogar beinahe noch im Krimkrieg ein Kommando bekommen!

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Vielen Dank für diese lesenwerte Beschreibung des Romans. Auch wenn die Geschichte einem Plausibilitäts-Check nicht standhält, scheint es trotzdem eine interessante Geschichte zu sein. Was mir am meisten auffällt ist wieder die gute Barbara. Sie halte ich übrigens für eine der gewagtesten Übungen des Autors, denn immerhin hat er sie in direkte familiäre Beziehung zu DEM Duke gesetzt. Schön das ihr hier wieder einmal Tribut gezollt wird.

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Na ja, aus dieser dürren Grundlage einen ganzen Roman zu bauen, hätte wohl selbst Forester nicht geschafft - wie anfangs angedeutet, es ist eine sehr kurze Geschichte, genau gesagt knappe 12 Seiten.

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Ich habe Deine Ausführungen mit großem Vergnügen gelesen, finde aber, dass Du mit Forrester ein wenig zu streng ins Gericht gehst. Immerhin handelt es sich doch nur um eine Erzählung, also im Grunde eine Fingerübung des Autors.

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Die Geschichte ist ja auch ziemlich kurz. Aber irgendwie finde ich schade, daß sie der Schlußpunkt sein sollte.

Am freimütigen Spiel mit der Realität an sich habe ich ja nichts auszusetzen, aber ich finde hier trägt die Idee nicht so richtig (-> Louis Napoleon war einfach zu bekannt, wie gesagt).

Daß Forester Jarvie, den paranoiden alten Sack noch 1813/14 (nach Hornblowers Rußlandabenteuer) als 1. Lord der Admiralität auftreten ließ, ist schon ein nicht unbeträchtlicher Patzer, der sich für die Geschichte aber nicht weiter auswirkte. Die Auftritte anderer Prominenter sind auch nicht besonders pedantisch. Clausewitz hockt in Riga auf einem Kirchturm und soll also - klar, Clausewitz, der Theoretiker - sich unglaublich mathematisch exakt den Fortgang der Belagerung vorhersehen; ist aber in seinem logischen Denken so befangen, daß Hornblower (sonst doch selbst so logisch-mathematisch) schwungvoll eingreifen muß, und das vermeintlich unvermeidliche zu verhindern (ein heroischer, unerwarteter Gegenangriff). Er verpaßt Yorck einen Schnurrbart (verwechselte ihn vielleicht mit Blücher), lie0t ausgerechnet Hornblower die Konvention von Tauroggen verursachen, und machte aus Zar Alexander (den er mit seiner bewegenden Ansprache sicherlich zum Kriegswillen gegen Frankreich bestärkte) einen bleichen Jüngling, während er doch tatsächlich eher ein leicht feistes Blonchen war.

 

Foresters Umgang mit der Realität ist halt interessant zu beobachten. Er ist immer bemüht, Hornblower ins Zentrum des weltgeschichtlichen Geschehens zu rücken, als ob er ihm durch die Gesellschaft irgendwelcher Berühmtheiten Glaubwürdigkeit (wie wir gesehen haben jedoch unverdiente ;)) verleihen wollte. Hornblower hat nicht nur die Koalition gegen Napoleon 1813 neu begründet, er hat ja auch überhaupt die Schlacht von Trafalgar verursacht (in jenem Romanfragment), und nachher hätte er die Rückkehr Napoleons nach Europa verhindert (wenn der nicht ohnehin zufälligerweise rechtzeitig den Geist aufgegeben hätte). Ohne Hornblower wäre die Weltgeschichte anders verlaufen!

 

Dagegen verhält sich O'Brian anders. Auch hier treten zuhauf Prominente auf, und wahrscheinlich präsziser und zutreffender charakterisiert als jene Foresters (bei denen anscheinend der Name an sich schon genug der Glaubwürdigkeistwürze zu sein scheint). Aber Aubrey schreibt eigentlich nie an der Weltgeschichte mit; sogar das Erbegnis von Maturins geheimisvoller Wühlarbeit als Agent bleibt oft unklar. Ich gönne Hornblower seine Rolle gern, aber irgendwie ist mir die tiefere, komplexere Wel, die O'Brian in seinen Romanen erschaffen hat, lebendiger, da komplexer und glaubwürdiger.

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Auch ich mag POB lieber und lese ihn mit größerem Vergnügen. Doch zu Forresters Ehrenrettung sei gesagt, dass er in einer völlig anderen Zeit schrieb, in der er nicht damit rechnen mußte, durch ein via Internet bestens informiertes Publikum kontrolliert zu werden. Während POB sicherlich in erster Linie eine Geschichte erzählen wollte, um die damalige Zeit damit lebendig werdeb zu lassen, war es bei Forrester sicherlich mehr der Spaß an Geschichte und Geschichten, was eben auch zu seinen phantastischen Gedankenspielen führte.

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Vor allem hat ja, nach allgemeinem Urteil, Forester das Genre überhaupt erst erfunden. Einige der "Defizite" der Hornblower- Reihe sind ja sicher auch durch die unchronologische Entstehungsweise bedingt, auch mit Folgen für die Entwicklung der Charaktere.

Interessanterweise hat ja aber Forester ja durchaus fleißig Quellen studiert. In "Meine Bücher und ich" bzw "Hornblower Companion" schreibt er ja darüber, daß der Naval Chronicle eine große Inspirationsquelle gewesen sei, und vielen sehr gut gemachten Geschichten merkt man das auch an (Hornblower auf der Hotspur, denke ich). Er erwähnt auch irgendwo, Korrespondenz Napoleons gelesen zu haben. Ich vermute, zur Szene mit "Schwager Richard", die politische Instruktion vor seinem Rußland - Abendeuer, hat er sich durch das berühmte Gemälde inspirieren lassen, daß Wellington und Nelson bei ihrem einzigen Treffen zeigt.

Sicher waren die Informationsmöglichkeiten zu Foresters Zeit weit begrenzter als heute, es gab noch nicht so viele maritime Fachbücher zur Nlesonischen Epoche wie heute; das trifft aber auch noch für O'Brians Romane zu, oder jedenfalls den GRoßteil davon. Im Vorwort zu "Nelson's Navy" von Lavery bedauert er ja, daß so ein Werk nicht schon früher erschienen sei, das hätte O'Brian viel Mühe erspart.

 

Aber daß 1814 Jarvie nicht erster Seelord war, hätte Forester einfach herausfinden können. Er hätte sich auch über Zar Alexander und Napoleons III. Zeit in London leicht genauer informieren können. Aber vielleicht hat ihn das einfach nicht interessiert, oder er hatte eine impulsive Art zu schrieben (wie der "companion" nahelegt"), so daß er einfach an einer einmal gefaßten Idee festhielt, obwohl sie nicht unbedingt gut durchdacht war.

 

Daß seine Romane auf historische Exaktheit überprüft wurden und in dieser Hinsicht also durchaus ernstgenommen wurden, wurde Forester ja einmal sehr deutlich, wie er im "companion" berichtet. Ein befreundeter Historiker habe wissen wollen, woher denn seine Informationen über die englische Beteiligung an der Veteidigung Rigas stammten. Forester schrieb ihm, das er habe das "einfach beschlossen"; wofür er von seinem Korrespondenten einen offenbar äußerst "herben Verweis" erhielt.

"Er tut noch heute weh, obwohl ich weiß, daß er unverdient war." (Zapfenstreich, S. 239).

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