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McCool

Joseph Conrad, Herz der Finsternis

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Nach "Taifun" (Lizenzsausgabe Fischer, Übers. Ernst Wagner) und "Freya von den Sieben Inseln" (Haffmans, Übers. Nikolaus Hansen) lese ich jetzt gerade "Herz der Finsternis", übersetzt von Urs Widmer, Haffmans.

 

Allgemein.

Das "Herz der Finsternis" ist manchen vielleicht daher geläufig, weil diese Erzählung die Basis für Coppolas "Apocalypse Now" lieferte. Coppola verlegte die Handlung nach Vietnam, Conrads Erzählung spielt im Kongogebiet.

Joseph Conrad war 1889 selbst dort gewesen und die Erzählung weist deutliche Parallelen zu seinen tatsächlichen Erlebnissen als Kommandant eines Flußschiffs auf. Das Kongobecken war 1885 persönlicher Besitz des belgischen Königs Leopolds II. geworden. In den Jahren seiner Herrschaft wurde dort ein Terror- und Sklavereisystem ohnegleichen aufgebaut, um dem Land Gewinn, vor allem in Form von Kautschuk, abzupressen. Während dieser Herrschaft soll die Bevölkerungszahl des Gebiets drastisch gesunken sein - Schätzungen gehen von bis 3 bis 10 Millionen Toten aus. König Leopold II. ist zweifellos einer der widerwärtigsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte. Gegen Ende seines Lebens wurden immer mehr Proteste gegen sein gräßliches Regime laut, aber er starb1908, ohne für seine Verbrechen belangt worden zu sein.

1899/1902 wurde Conrads Erzählung veröffentlicht und kann auch inn gewisser Weise als eine der zahlreicher werdenden Stimmen des Protests gegen die Zustände im Kongo aufgefaßt werden. "Herz der Finsternis" hat aber nicht den Charakter einer politischen Schrift - Hauptanliegen des Autors scheint es gewesen zu sein, durch das Schreiben die grauenhaften Erlebnisse im Kongo in therapeuthischer Weise zu verarbeiten und zu bewältigen - wobei diese Aussage zur Motivation natürlich eine fast platitüdenhaft ist, weil sie für dem Großteil der Literatur im besseren Sinne zutreffen wird. Platitüdenhaft klingt es auch, die Reise auf dem Fluß, in die Finsternis, als Reise in die Innere des menschlichen Wesens zu charakterisieren - aber das trifft es ungefähr.

 

 

Zur Übersetzung von Urs Widmer (1992 erstmals erschienen).

Wie andernorts angedeutet, ist die Haffmans-Ausgabe außerordentlich niedlich aufgemacht, dieser Band mit einer Titelabbildung von Michael Sowa, und beinhaltet neben einem etwas seiernden, aber nicht ganz unnützen Nachwort des Übersetzers auch das "up river book", Notizen, die sich Conrad zur Navigation auf dem Fluß gemacht hatte, und das knappe Kongo-Tagebuch. Soweit die postiven Aspekte dieser Ausgabe.

"Das Grauen! Das Grauen!", obgleich einer etwas weniger existenziellen Sorte, kann einen jedoch gelegentlich angesichts der Übersetzung von Urs Widmer anfallen. Widmer ist Schriftsteller und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, einige Male sprachlich achseltief ins Klo zu greifen, wie man so schön sagt. Ein etwas unglücklicher Start ist bereits, aus der im ersten Satz erscheinenden "cuising yawl" gleich eine "Hochseeyacht" zu machen und die Themse mit "Barken" zu bevölkern, während "barges" eher soetwas wie Lastkähne meint. Die Unbelecktheit des Übersetzers in betreffs jeglicher Fortbewegung auf dem Wasser schimmert immer wieder durch, z.B. wenn ein Einbaum beschrieben wird, der "gerudert" wird. Gute Güte, wie sähe eine Übersetzung Widmers von "Schattenlinie" oder "Taifun" aus, wo es um weit handfestere Seemannschaft geht als in dieser Flußgeschichte!

 

Nun hätte ich diese Dinge in dieser Geschichte noch verzeichlich gefunden, zumindest hätten sie den Lesefluß nicht allzu sehr beeinträchtigt. Schlimmer ist es, wenn der Übersetzer in eine ziemlich vulgäre Gegenwartssprache verfällt, die den Leser, der einfühlsamere Übersetzungen gewohnt ist, wie ein Hieb trifft, oder ihn gewissermaßen als häßliche Fußangel oder Tretmine den aus dem Takt reißt. Die "yarns", das Spinnen von Seemannsgarn, wird bei Widmer zum Erzählen von "Lügengeschichten". Einmal läßt Widmer den Marlow seine Zuhörer, allesamt respektable Herren, als "Lümmel" titulieren. Es ist die Rede von "Besäufnis", wo Conrad eine weit dezentere Umschreibung verwendet, weitere Fehlgriffe sind irgendwo: "Sau rauslassen - volle Pulle" und "von den Socken" sein. "By Jove! it's all over" muß bei Widmer werden: "Ach du Scheiße! Jetzt ist alles aus". Wie kommte der Besitzer eines gesunden Verstandes dazu, den Ausruf "Beim Jupiter" zu "Ach du Scheiße" zu machen? Diese mistige Sprache des Übersetzers wirkt in dieser Erzählung ungefähr so erquicklich wie Hundekot im Blumenbeet.

Wenn Schiffe zu einem "Conquest" aufbrechen muß man keineswegs mit "Raubzügen" übersetzen, vor allem es sich bei den Schiffen um Franklins Erebus und Terror handelt, die wirklich keine Gelegenheit hatten, irgendewas zu "rauben". Auch dieses Beispiel ist kennzeichnend - diese Übersetzung muß ständig krampfhaft zuspitzen und vergröbert die Sprache, selbst wenn es nicht immer so auffällig in einen Haufen "Scheiße" gipfelt.

 

Es gelingt auch Widmer nicht, die Erzählung zu ruinieren, aber während ich "Taifun" oder "Freya von den Sieben Inseln" lesen konnte, ohne überflüssigerweise durch die Übertragung belästigt zu werden muß ich sagen: Diese Übersetzung ist nicht gut. Es wäre ratsam, sich nach einer anderen umzusehen. Ich suchte bei Amazon etwas nach Alternativen. (Vorsicht übrigens mit den Rezensionen bei Amazon! Man beachtet dort nicht so genau die verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen, so daß man z.B. bei einer Übersetzung von Elli Berger Rezensionen findet, die sich auf jene von Urs Widmer beziehen. Man muß dort auf den Link nach dem Satz "Dieser Rezension stammt von...." klicken, um hoffentlich zu der Ausgabe zu gelangen, für welche die ursprünglich Rezension geschrieben war.)

Nach Aussage eines Kritikers der Widmer-Übersetzung soll die Reclam-Ausgabe, Daniel Göske, brauchbar sein. Wer weiß es? Bei Suhrkamp gibts eine Übersetzung von Reinhold Batberger, im Aufbau-Verlag eine von Elli Berger, bei Manesse von Fritz Güttinger.Wer weiß, wie viele es noch geben mag. .

Vorsicht; der Haffmans-Verlag existiert nicht mehr, die Übersetzung von Widmer ist aber immer noch erhältlich, mindestens noch im Piper-Verlag und in irgendeiner Edition der Süddeutschen Zeitung.

 

Bei "Gutenberg" findet man den Originaltext und auch zwei Übersetzungen:

 

Heart of Darkness, Originaltext http://www.gutenberg.org/files/526/526.txt

Übersetzung des 1. Teils von Bernd Ohm http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=...itel=1#gb_found (holpert etwas)

Übersetzung von "Freißler" - keine weitere Anabe, wahrscheinlich ältere Übersetzung? http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=...itel=1#gb_found (scheint nicht schlecht zu sein)

 

 

Ein Satz über Marlow mag mal Übersetzungsprobleme illustrieren:

 

Conrad: The worst that could be said of him was that he did not represent his class.

Ohm: Das Schlimmste, was man von ihm sagen konnte, war, dass er kein durchschnittlicher Vertreter seiner Klasse war.

Freißler: Das Schlimmste, was man ihm nachsagen konnte, war, daß ihm sein Beruf nicht anzumerken war.

Widmer: Das Schlimmste, was man ihm nachsagen konnte, war, daß er seinen Berufsstand nicht besonders gut vertrat.

 

Hier liegen Ohm und Freißler inhaltlich nah am Original, wobei ich nicht entscheiden könnte, wer mit seiner Interpretation Conrads Absicht näherkommt. Widmer aber liegt völlig daneben: vielleicht wollte er mit seiner Formulierung tatsächlich auch nur ausdrücken, daß Marlow für seinen Berufsstand untypisch war - aber Widmers dumme Formulierungs sagt daß nicht, daß er ein untypisches, sondern ein schlechtes Exemplar seines Berufsstandes war. (Zu diesem Schluß geben auch die in der Erzählung folgenden Ausführungen über Marlows Charakter keinen Anlaß). Ich fürchte, Widmer patzt ziemlich oft auf diese Weise - durchaus auch sinnentstellend.

 

 

 

P.S: Die Angaben zur Textherkunft bei "Gutenberg" sind wirklich schlampig. Beim Übersetzer "Freißler" handelt es sich offenbar um Ernst Wolfgang Freißler (1884-1937), der bei S. Fischer tätig war. Die Übersetzung wird dann wohl aus den 1920er oder 30er Jahren stammen, vielleicht ist es sogar die erste.

Edited by McCool

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Vor einiger Zeit hatte ich ja auf eine ganz interessante Radiodiskussionssendung über Joseph Conrad verlinkt. Irgendein kluger Mensch machte da eine Bemerkung über den sinnlosen Mibrauch des Titels "Herz der Finsternis"... zufälligerweise fand ich zwei passende Beispiele:

 

Österreich, Herz der Finsternis?

 

oder ist vielleicht doch eher

 

Die Schweiz - Europas Herz der Finsternis? ?

 

Vielleicht einigen sich Österreich & Schweiz darauf, daß sie das Doppelherz der Finsternis sind. :lol: Die "Euro 2008" haben sie ja auch schön gemeinsam über die Bühne gebracht.

Edited by McCool

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Och, das mit dem Österreich als Land der Geisteskranken war wohl nur sowas wie ein vorsommerliches Sommerloch. Wie krank und böse wir wirklich sind, wissen nur wir. :unsure:

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Unerwartet geriet mir eine noch eine Übersetzung in die Hände, die ich bis dato nicht kannte, und zwar von Fritz Lorch (das war die Übersetzung des Diogenes-Verlags, bevor sie dummerweise durch die o.g. von Widmer ersetzt wurde). 

Genau diese Lorch-Übersetzung wurde aber 2007 in der positiven Besprechung einer Neuübersetzung von Allie im Deutschlandradio Kultur gescholten, ungelenk zu sein; angeführt wurde ein Satzbeispiel von der ersten Seite in den Übersetzungen von  Lorch vs Allie.  Da füge ich noch das Original und Übersetzungen von Freißler und Sophie Zeitz hinzu, um zu illustrieren, wie unterschiedlich Übersetzungen ausfallen können:   

Original:

In the offing the sea and the sky were welded together without a joint, and in the luminous space the tanned sails of the barges drifting up with the tide seemed to stand still in red clusters of canvas sharply peaked, with gleams of varnished sprits.

Lorch:

Draußen verschmolzen nahtlos Himmel und Meer, und in dem lichterfüllten Raum schienen die gelohten Segel der Leichter, die mit der Flut herauftrieben, stillzustehen, in Massen straff ausgespannter roter Leinwand, in denen die lackierten Spriete aufblinkten.

Dummerweise zitiert der DR-Kultur Rezensent Lorch falsch (oder er hatte eine bearbeitete Übersetzung vorliegen: "verschmolz" statt "verschmolzen", und aus "ausgespannt", wie es bei Lorch tatsächlich heißt,  das alberne "aufgespannt", vielleicht dachte er an eine Regenschirm. 

Freißlers ebenfalls ältere Übersetzung: 

Draußen waren die See und der Himmel fugenlos zusammengeschweißt, und in dem leuchtenden Raum schienen die gegerbten Segel der Leichter, die mit der Flut herauftrieben, reglos still zu stehen, als scharf umrissene rote Leinwandstücke, vom Lackglanz der Spriete gehöht.

Die vom D-Funk als "geschmeidig" gelobte neuere Übersetzung von Manfred Allie:

In der Ferne verschmolzen Meer und Himmel, und in dem lichterfüllten Raum war es, als stünden die gegerbten Segel der Lastkähne, die mit der Flut hereinkamen, still, ein Wald aus straffgespannter roter Leinwand, durch den die lackierten Spriete schimmerten.

Sophie Zeitz, aktuelle Übersetzung des dtv :

Draußen auf der offenen See verschmolzen Himmel und Meer fugenlos miteinander, und in dem leuchtenden Raum schienen die gegerbten Segel der mit der Flut herauftreibenden Boote in Trauben roten Tuchs stillzustehen, scharfe Spitzen getupft vom Gefunkel der lackierten Spriete.

Was ist da besser bei Allie? Die "Geschmeidigkeit" wurde durch sprachliche Ungenauigkeit erkauft. Freißler versucht, sich nahe am Original zu halten, aber ich denke, er interpretiert Conrads "sharply preakted" anders, als es gemeint war - es sollte wohl nicht durch "Lackglanz gehöht" bedeuten. Lorchs Übersetzung beschreibt an der Stelle genau, was das lackierte Spriet mit dem Tuch macht - straff ausspannen.  Siehe hier.  Bei Freißler fehlen die "clusters", die Lorch treffend als "Massen" umschreibt. Allies "Wald" von Leinwand geht ziemlich daneben.  Auch Zeitz packt es nicht mir ihren "Trauben roten Tuchs". Trauben, Spitzen, was denn nun? "Gefunkel" paßt hier weit weniger gut als "Glanz", "Schimmer" oder "Schein".  

Lorchs "gelohte" Segel sind sachlich korrekt, und ich finde den Begriff hier schöner als "gegerbt", was man gemeinhin wohl eher mit Leder assoziert. 

"Leichter", wie Lorch und Freißler übersetzen, ist für die Fahrzeuge ein sehr passender Ausdruck, weil man die gemeinten "Thames Barges" nicht einfach mit "Barken" übersetzen kann, was der oben erörterte Urs Widmer natürlich tat.  Allies "Lastkahn" ist sachlich korrekt, klingt aber im Rahmen der Erzählung nach Landrattenvokabel, die dem Erzähler sicher nicht entschlüpft wäre. Immerhin sind ja die fünf Personen, die am Beginn erscheinen, durch ein festes "Band der See" miteinander verbunden.  Und aus diesem Grund ist "Boote" erst recht schwach. 

Dieser schwierige Satz wurde m.E. von Lorch am besten gemeistert.  Mal sehen, wie der Rest ist? :P 

Edited by McCool

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