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McCool

Adolf Mensing: An Bord der 'Gazelle' nach Yokohama. Ein preußischer Marineoffizier erinnert sich

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Adolf Mensing: An Bord der ,Gazelle' nach Yokohama. Ein preußischer Marineoffizier erinnert sich. Bearbeitet und herausgegeben von Horst Auerbach. Hinstorff Verlag, Rostock 2000. 208 S., einige Abbildungen.

 

Der Inhalt des Buchs ist in dieser Besprechung der FAZ umrissen. http://www.faz.net/s/RubF3CE08B362D244869B...n~Scontent.html .

In der Tat handelt es sich bei der Schilderung, welche die Jahre von 1861-1866 umfaßt, um eine hochinteressante Quelle, welche die Zustände innerhalb der um 1860 noch immer in der frühen Entwicklung steckenden königlich preußischen Marine in keinem vorteilhaften Licht erscheinen läßt. Fachliche Inkompetenz von Offizieren und Probleme mit der Disziplin waren übrigens noch etliche Jahre später festzustellen- so veranlaßte der 1869 von der Eröffnung des Suezkanals auf der Korvette Elisabeth heimreisende Kronprinz Friedrich Wilhelm den Generalmajor Stosch, einen kritischen Bericht über die Zustände an Bord an den König zu verfassen.

 

Es ist erfreulich, daß Horst Auerbach (Verfasser des schönen Bandes "Preußens Weg zur See") sich dieser Erinnerungen angenommen und sie zur Veröffentluchung brachte. Aber so verdienstvoll die Herausgabe dieser Erinnerungen auch ist, so ist sie leider nicht unproblematisch. Ein Vorwort gibt Auskunft über den Lebenslauf Mensings (geb. 1845, gest. 1929), ein kleiner Anhang dokumentiert seine Erfindungen; so weit, so gut.

Aber zu seiner Behandlung des Textes gibt Auerbach keine weitere Auskunft als die, daß er es "bei der Bearbeitung des vor über 130 Jahren verfaßten Manuskripts" für "unumgänglich" hielt, "stilistische Korrekturen vorzunehmen und den Text zu straffen." Ob das wirklich "recht behutsam" und "hart am Originaltext" geschah, kann der Leser leider nicht beurteilen. Schlimmstenfalls geht bei Glättungen und Straffungen auch einiges vom Wert der Quelle verloren.

Eine wichtige und vom Herausgeber nicht zufriedenstellend beantwortete Frage ist die nach der Datierung des Manuskripts. Auerbach hält es, im Jahr 2000 schreibend und ohne das irgendwie zu begründen, für über 130 Jahre alt. Der Text müßte also demnach um 1870 oder früher entstanden sein. Kann das zutreffen?

 

Im Jahre 1870 war Mensing erst 25 Jahre alt. Dennoch trifft man allerorten auf Formulierungen, die weit in die Vergangenheit weisen:

"Es soll damals eines der schnellsten Fahrzeuge der Welt gewesen sein." (S. 42) "..denn man glaubte damals, die jungen Leute hart rannehmen zu müssen. Ich bin froh, in späteren Jahren zu den Offizieren gehört zu haben...." (S.45 f.) "Von den Lehrern habe ich noch heute...in angenehmster Erinnerung" (S. 51); "Ich aber verpaßte die einzige Möglichkeit in meinem Leben, ein Trinkgeld einzuheimsen (S.58). "Es galt damals als männlich, trinkfest zu sein", (S. 96). "In der alten Marine nahm man es nicht so genau" ; "Madeira besaß damals als Zufluchtsort für Lungenleidende Weltruf, "Ich vergaß den Blick ihrer Augen, der mich beim Vorübergehen streifte, niemals im Leben (S. 82f.). "Ich sah nie wieder ein schöneres Schiffsmanöver" (S. 143) "Ich glaube, es war Pfingsten 1866, als ich gleichzeitig mit Franz in Bückeburg war. Ich weiß noch wie heute...."(S. 187) Das alles sind Formulierungen, die auf eine Niederschrift nach längerer oder sogar sehr langer Zeit hindeuten. Eine an sich unwesentliche Ungenauigkeit, die aber auch auf die Entstehung zu einem späteren Zeitpunkt hindeutet: Für den Winter 1865/66 erwähnt Mensing, daß jemand Hartmanns "Philosophie des Unbewußten" lese, "ein Buch, das damals bei gebildeten Leuten in Mode war". Tatsächlich erschien das Buch aber erst 1869.

 

Über den noch Lebenden Admiral hätte Mensing um 1870 wohl nicht geschrieben, "Prinz Adalbert war ein gütiger, lieber Herr, der merkwürdigerweise den Kaiser Napoleon außerordentlich geschützt haben soll."(S. 143).

 

Daß das Manuskript definitiv nicht vor 1888 verfaßt worden sein kann beweist die Erwähnung "der späteren Kaiserein Auguste Victoria" (S. 181). Auguste Victoria wurde 1888 Kaiserin; das Manuskript entstand also frühestens zu dieser Zeit, aber m.E. ist es wahrscheinlich, daß es sogar erst nach Ende des Kaiserreichs verfaßt wurde.

 

Daß Auerbach als promoviertem Militärhistoriker das alles nicht auffiel, ist sehr bedauerlich. Das Alter des Texts ist aber für seine Einschätzung als Quelle entscheidend. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob die Eindrücke von Ereignissen nur knapp vier Jahre später niedergechrieben werden oder erst 50 oder gar 60. Dazwischen liegt ein ganzes Leben, ein ganzes Kaiserreich und ein Weltkrieg. Das hat grundlegende Auswirkungen darauf, wie die Ereignisse geschildert werden, nicht nur was die Zuverlässigkeit von Details angeht. Es ist ein Unterschied, ob man die Auffassungen eines 25-jährigen oder eines 70-jährigen liest; ob der Erzähler noch in der beschriebenen Gesellschaftsordnung eingebunden ist, oder ob diese längst in einem gewaltigen Weltkrieg untergegangen ist.

Edited by McCool
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Offenbar ist der Wert des Manuskripts als historische Quelle wirklich nur sehr schwer einzuschätzen. Gibt es eventuell Erkenntnisse, ob die Erinnerungen Mensings bereits zu dessen Lebzeiten veröffentlicht wurden?

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Offenbar ist der Wert des Manuskripts als historische Quelle wirklich nur sehr schwer einzuschätzen.

..wobei mir der Gedanke an die Bearbeitung Auerbachs nicht gerade angenehmer wird, wenn ich bedenke, daß er selbst den Text um etliche Jahrzehnte falsch datiert: mindestens 2, vielleicht aber auch 5.

Gibt es eventuell Erkenntnisse, ob die Erinnerungen Mensings bereits zu dessen Lebzeiten veröffentlicht wurden?

Der Rezensent der FAZ scheint aus unerfindlichen Gründen anzunehmen, es habe von Mensings Seite eine Absicht zur Veröffentlichung gegeben ("Daher konnte er sich später, als verdienstvoller Kapitän und erfolgreicher Erfinder, auch die Veröffentlichung eines schonungslosen Selbstbekenntnisses leisten,") - das scheint mir mehr als fraglich. Ich glaube nicht, daß Mensing das veröffentlichen wollte, jedenfalls nicht in dieser Form. Das Manuskript wurde bis 2000 sicherlich nicht veröffentlicht. Auerbach schreibt in der Einleitung, daß er es in den 1990er Jahren von einem Kapitän a.D. erhalten habe. Wieso dieser im Besitz des Manuskripts dieses nicht ganz unprominenten Seeoffiziers war, geht aus der Einleitung nicht hervor.

 

Um nochmal auf die Datierung zurückzukommen; möglicherweise hat sich Auerbach durch die Worte verwirrten lassen, die Mensing seiner Schilderung vorausschickt:

"Dieses Buch habe ich angelegt, um in späteren Jahren zu erkennen, wie ich früher war; ich werde alles wahrheitsgemäß niederschreiben; ich werde mich so zu zeichnen versuchen, wie ich gewesen bin, ohne Schonung für mich".

Auerbach meinte vielleicht, "angelegt, um in späteren Jahren zu erkennen..." bedeute, Mensing schreibe es kurz nach den Erlebnissen (um 1870) so als eine Art Memo für die Zukunft. Man kann, und muß angesichts der oben aufgezählten Hinweise auf spätere Entstehung, den Satz aber anders deuten. Es ist eine in den späteren Jahren - der Gegenwart des Schreibers - angestellte Betrachtung, um das frühere Selbst zu erkunden.

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So oder so, das Thema ist hochinteressant, weshalb ich das Buch soeben käuflich erworben habe.

Vielen Dank für den Hinweis, McCool.

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Endlich ist das Buch bei mir eingetroffen. Eine erste Durchsicht ergab einen guten Eindruck. das Buch scheint viele alte Dokumente in Faksimile zu enthalten.

Auf jeden Fall musste ich mich fast mit Gewalt davon losreißen und werde die Mittagspause für ein erstes Lesen nutzen.

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In der Zwischenzeit habe ich das Buch gelesen und dafür auch nicht viel Zeit gebraucht. Es ist meist kurz und knapp gehalten. Nur in wenigen kapiteln geht er mehr ins Detail. Auf jeden Fall war es interessant, zu lesen, wie damals der Werdegang eines zukünftigen Seeoffiziers war.

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Besonders im Hinblick auf gewisse Verhältnisse in der frühen preußischen Marine ist das Buch wirklich sehr interessant, auch wenn es sehr wahrscheinlich mit dem Abstand sehr vieler Jahrzehnte geschrieben wurde und nicht die unmittelbaren Eindrücke eines jungen Mannes widerspiegelt. In zeitnah - noch im Kaiserreich - erschienenen Erinnerungen und Berichten wird man über solche Dinge wie die Alkoholprobleme von Kadetten oder die erschreckende navigatorische Inkompetenz eines Schulschiff-Kommandanten (!) kaum etwas erfahren.

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So sehe ich das auch. Es ist eindeutig der Rückblick eines alten Mannes. Dafür sprechen auch Forumulierungen wie "alle von ihnen sind, soweit ich weiß, längst verstorben".

 

Was ich persönlich nicht ganz verstehe, ist der Hinweis des herausgebers, einige Stellen gestrafft zu haben. Die Erinnerungen sind eigentlich recht kurz und knapp ausgefallen und ich hätte mir an mancher Stelle etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht.

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    • By Farquhar
      Ich habe einen Faksimile Druck des oben betitelten Buches aufgetrieben. Es ist der Nachdruck eines 1872 erschienen Buches des ehemaligen " Corvetten-Capitänes" Ullfers , der damit versucht hat , seine Zahlreichen Vorlesungen vor der Marine Akademie Kiel zu einem verwertbaren Lehrbuch zusammenzufassen. Dieses Buch lässt eigentlich keine Fragen offen zur handhabung von Militärisch genutzten Grosseglern . Es behandelt Takeln , Reparaturen, Verproviantierung, Stationsbesetzungen und genauestens beschriebene Segelmanöver in allen Situationen . Sowohl Fregatten als auch noch im Dienst befindliche Linienschiffe werden hier abgehandelt......der Einsatz von Hilfsmaschinen wird nur am Rande erwähnt........
       
      Corvetten-Capitän Franz Ulffers ist 1829 geboren und als 20 Jähriger 1849 in die Preussische Marine eingetreten wo er schon als junger Offizier und Kommandant reichlich Erfahrungen sammeln konnte.
      Als das Buch erschien, war der Deutsch französische Krieg 1870/71 gerade beendet und die Kaiserliche Marine stand am Anfang ihres Aufbaus. Damals verfügte sie über 52 aktive Einheiten , von denen 43 sogenannte Expansionsmaschinen zur unterstützung der Besegelung hatten ,5 Schiffe reine Segler waren und 4 Einheiten ausschliesslich über Expansionsmaschinen verfügten.
       
      Vor diesem Hintergrund ist das Buch zu verstehen , es behandelt Übernahme von geschützen aus diesem Grunde vor den Nöten eines Handelsschiffers......
       
      Das Buch ist gebunden im Verlag Theodor Schäfer / Hannover erschienen, hat die ISBN Nummer 3-88746-317-x Edition " libri rare" Bestellnummer 7212,
       
      allerdings ist es vergriffen und wohl in absehbarer zeit nur in Antiquariaten oder bei Intensiver Suche zu bekommen............allerdings! Es lohnt sich
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