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McCool

Barry Lyndon

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Der finanzielle Mißerfolg von Bondartschuks "Waterloo" von 1970 (siehe hier bedeutete für Stanley Kubricks großes und schon ziemlich weit gediehenes Projekt eines Napoleon-Films das Aus, weil die Financiers kalte Füße bekamen. Ein Teil der Recherchen für die Epoche war sicherlich noch nützlich für Kubricks "Barry Lyndon" von 1975, ein Film auf der Grundlage von William Makepeace Thackerays in den 1840er Jahren erschienener Satire über Aufstieg und Fall eines irischen Abenteurers.

 

Der Film ist in zwei Abschnitte gegliedert, der erste trägt den Titel: By what means Redmond Barry acquired the title and Styles of Barry Lyndon. Die Handlung beginnt zur Zeit des Siebenjährigen Krieges in Irland. Der jungendliche Barry Lyndon (Ryan O'Neal) flieht nach einem Duell (eines von nicht wenigen in dieser Geschichte) mit einem englischen Offizier, dessen Ursache natürlich eine Frau war. Aufgrund akuten Geldmangels nach einer Begegnung mit dem kultivierten Räuber Captain Feeney (ein kurzer, aber bemerkenswerter Auftritt von Billy Boyle) läßt Barry, a young Gentlemen in difficulties, sich von der britischen Armee anwerben und wird mit seinem Regiment auf den kontinentalen Kriegsschauplatz (=Deutschland) verschifft.

Da ihm das militärische Leben insbesondere nach dem Tod eines freundlichen Protektors nicht mehr zusagt, desertiert er, gerät aber gewissermaßen vom Regen in den Hagel, nämlich unter die Preußen, die ihn in die Armee stecken. Immerhin gewinnt er im Laufe der Zeit das Vertrauen eines einflußreichen Hauptmanns, der ihn, nach dem Krieg, als Spitzel gegen einen Diplomaten in Berlin einsetzen möchte. Da aber dieser ein irischer Landsmann ist, bringt Barry es nicht übers Herz, ihn zu auszuspionieren, sondern offenbart sich ihm - und wird dessen Vertrauter und kompetenter Mitarbeiter auf einer europaweiten Tournee als professioneller betrügerischer Glücksspieler. Auf diesen Reisen begegnet Barry einer sehr schönen und reichen Frau, der Countess von Lyndon (Marisa Berenson), deren Liebe er zu gewinnen vermag und die ihm als ideale Ehefrau erscheint; zwar ist sie verheiratet, aber der kränkliche Sir Charles Lyndon ärgert sich, gewissermaßen, über die Dreistigkeit Barrys und die Treulosigkeit seiner eigenen Gattin zu Tode. Hier endet der erste Abschnitt des Films, und der zweite, ...an account of the misfortunes and disasters which befell Barry Lyndon, beginnt bezeichnenderweise mit der Trauung Barrys mit der Countess. Barry versucht, seine Stellung innerhalb der Gesellschaft zu sichern und noch weiter aufzusteigen, aber hier zeichnen sich die Grenzen seiner Fähigkeiten und seines Erfolgs ab - was nicht zuletzt auf den unerbittlichen Haß zurückzuführen ist, der sich im Stiefsohn Lord Bullingdon (Dominic Savage als jüngerer und Leon Vitali als etwas älterer Bullingdon) gegen den "rohen Hochkömmling" und Verführer seiner Mutter "Mr. Redmond Barry" aufgestaut hat.

 

Die Handlung von "Barry Lyndon" erscheint intellektuell nicht allzu fordernd, und es haben sich wohl etliche Kritiker gefragt, warum Kubrick glaubte, diese Geschichte, die offenbar auch nicht zu den Glanzleistungen Thackerays gezählt wird, erzählen zu müssen. Der Gehalt der Geschichte bzw. Kubricks Interpretation davon ist sicher nicht zu unterschätzen; ganu zu schweigen davon, daß die schauspielerischen Leistungen ausgezeichnet und auch kleine Rollen beeindruckent besetzt sind. Aber die wohl für jeden Kritiker unbestreitbaren Werte dieses Films liegen im Visuellen. Das niedrige Erzähltempo und die oft fast statischen Szenen scheinen, ebenso wie der ziemlich geringe Anteil von Dialogen, irriterend auf Publikum und Kritiker gewirkt zu haben und haben mit den Eigenschaften eines handelsüblichen Kostüm- oder Abenteuerfilm wenig zu tun. Grund für Darstellungsweise ist, daß die Komposition vieler Szenen sich an der Malerei des 18. Jahrhunderts orientiert. Große Sorgfalt wurde auf die Kostüme* und möglichst authentische Stoffe verwandt - und dann wurden viele Szenen tatsächlich ausschließlich bei Kerzenlicht gedreht, was nur unter Verwendung von Linsen möglich war, die Zeiss für die NASA zum Zweck der Satellitenfotografie entwickelt hatte. Das Ergebnis des Kubrickschen Strebens nach technischer Perfektion sind unglaublich schöne Bilder - Barry Lyndon ist mit Sicherheit der schönste Film, der je über die Epoche gedreht wurde.

 

Für die deutsche Fassung des Films übernahm auf Wunsch Kubricks der legendäre Wolfgang Staudte ("Die Mörder sind unter uns", "Der Untertan", "Der kleine Muck", "Der Seewolf") die Dialogregie, wie zuvor bereits bei "Uhrwerk Orange" und folgend bei "Shining". In allen drei Filmen wird der Protagonist von Jörg Pleva gesprochen.

*[Was die Kostüme angeht - zumindest die militärische Aussattung des Films ist allerdings deutlich von Perfektion entfernt, auch wenn sie zweifellos Grundlegendes leistet, indem sie charakteristisch nach Siebenjährigem Krieg aussieht und ihren Zweck für den Film sicher ausreichend erfüllt; aber z.B. trugen die Gemeinen englischer Regimenter keinen "chinesischen" Zopf wie z.B. die Preußen, die im Film zu sehende Bortenlosigkeit der britischen Uniformen dürfte meines geringfügigen Wissenstandes nach zumindest ungewöhnlich gewesen sein, usf, usf, usf.]

 

Ein Zeitungsartikel (2009)

Barry Lyndon: Kubrick's neglected masterpiece

http://www.telegraph.co.uk/culture/4524037/Barry-Lyndon-Kubricks-neglected-masterpiece.html

 

Zwei interessante Aufsätze zum Film (etliche weitere auf der Site):

Narrative and Discourse in Kubrick's Modern Tragedy, by Michael Klein

http://kubrickfilms.tripod.com/id54.html

Rethinking the Narrator in Barry Lyndon, by Chris Meir

http://kubrickfilms.tripod.com/id57.html

 

Zu Kubricks Napoleon-Projekt siehe auch hier:

 

 

Edited by Threepwood
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Apropos; man weiß natürlich nicht, wie es ausgesehen hätte, wenn Peter Jackson Barry Lyndon verfilmt hätte.

Aber angehört hätte es sich wohl so (bes. ab 2:50 min) : :lol:

 

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Der Film hat vier Oscars gewonnen! Allerdings nicht für den Ton... (bes. ab 2:50 min) : :lol:

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Klingt ein wenig so als hätte man den Ton von "The way of the exploding fist" damals auf dem 64er mit Mikro aufgenommen. Gut, den Commodore  gab es erst nach '75, aber eine gewisse Ähnlichkeit besteht. Jedenfalls wäre "50 Shades of Gray" mit so einer Tonspur womöglich nicht so der kommerzielle Erfolg geworden.

Es könnte natürlich auch eine Taktik des Delinquenten sein: Viel öfter 'Ahauuu' schreien wie geschlagen wurde. Das erspart eine Menge Spießrutenhiebe.

Warum hatten die Jungs innerhalb der Festung überhaupt Bajonette aufgepflanzt? Die wirken sich doch nachteilig auf Zielgenauigkeit und Reichweite aus. Wir werden es wohl nie erfahren...

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vor 17 Minuten schrieb Carpfanger:

Es könnte natürlich auch eine Taktik des Delinquenten sein: Viel öfter 'Ahauuu' schreien wie geschlagen wurde. Das erspart eine Menge Spießrutenhiebe

Ja, das habe ich auch gedacht! :lol:

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