Jump to content
Sign in to follow this  
McCool

Kenneth Roberts: Die Gnadeninsel (Boone Island)

Recommended Posts

Im Dezember 1710 strandete die englische Nottingham Galley auf Boon Island, einem einige Meilen vor der Südküste Maines liegenden Felsenriff. Ein Teil der Besatzung überlebte, und mußte mehr als drei Wochen lang auf der Insel ausharren, bis Rettung kam. In dieser langen, furchtbaren Zeit war es war zum Äußersten gekommen: Kannibalismus.  

 

Das ist der historische Kern der Erzählung "Boon Island" von 1956, deutscher Titel "Die Gnadeninsel", von Kenneth Roberts; es ist übrigens sein letztes fiktionales Werk.  Um den historischen Kern herum entwickelt Roberts eine Vorgeschichte in England, und eine kleine Nachgeschicht5943dcee0cf9b_RobertsBooneIslandGnadeninsel.jpg.9641e3b579c2a8f8a03a5aea839632f0.jpge in Amerika. Wie von einem professionellen Autoren nicht anders zu erwarten, durchaus nicht ganz reizlos und mit der ein oder anderen interessanten Figur oder Szene, aber insgesamt leider aus meiner Sicht ziemlich belanglos. Mich hat die Geschichte buchstäblich kalt gelassen, was nicht nur an dem gräßlichen Winterwetter auf Boon Island liegt. Die Vorgeschichte in England und die Fahrt über den Atlantik werden vom Ich-Erzähler fortlaufend geschildert; auf Boon Island erhält die Erzählung die Form einer Tag für Tag erwählten Chronologie, einem Tagebuch ähnlich; plausibel scheint mir das allerdings nicht. Nirgends erwähnt der Erzähler, daß er tatsächlich schreibt; und daß er jeden einzelnen Tag des dreiwöchigen Inselaufenthalts später aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren vermochte, ist gerade angesichts der Gleichförmigkeit der Tage einigermaßen unglaubwürdig.  

Die pedantische Chronoligie hat beim Lesen die vom Autoren wohl beabsichtigte Wirkung, einen Eindruck qualvoller Ödnis und Gleichförmigkeit zu erzeugen, weil eben im Grunde genommen nicht allzu viel passierte, und das, was passierte, war auch nicht gerade erfreulich oder spannend. Das ist aus meiner Sicht das grundsätzliche und zwangsläufige Problem dieser Geschichte - sie ist einfach anödend. Robinson war zwar - zunächst - alleine auf einer Insel, aber er hatte einiges zu tun, zu entdecken und zu reflektieren. Scott und Shackleton befanden sich in furchtbarer, lebensfeindlicher Einöde, aber sie strebten ihren Zielen entgegen. Hier sitzten der Erzähler und seine Leidensgenossen mit erfrorenen Füßen auf einem Felsen und wartet. 

Nicht, daß das zu harsch klingt, aber diese Geschichte ist wohl zu Recht ziemlich vergessen. Klar, man kann sie lesen, und das geht ja auch recht zügig, denn das Buch ist nicht dick. Aber aus meiner Sicht verpaßt man lediglich ein paar Stunden Ödnis, wenn man es nicht tut.

Verschweigen will ich allerdings nicht, daß man bei einem berüchtigten globalkapitalistischen Großkramladen, dessen Angebot neben nützlichen Dingen wie Bananenschneidern, Hundefutter und Sexspielzeug und auch noch einige Bücher umfaßt, 11 begeisterte Bewertungen für "Boone Island" gibt. Es scheint also Menschen zu geben, denen die Geschichte gefällt.

Interessanter als Roberts' Erzählung ist vielleicht die Geschichte des Felsens und seiner Bebauung mit Leuchttürmen ab 1797, sie ist hier nachzulesen.

http://www.newenglandlighthouses.net/boon-island-light-history.html

Über das Unglück der Nottingham Galley gibt es das Sachbuch "Boon Island: A True Story of Mutiny, Shipwreck, and Cannibalism."

Share this post


Link to post
Share on other sites

Join the conversation

You can post now and register later. If you have an account, sign in now to post with your account.

Guest
Reply to this topic...

×   Pasted as rich text.   Paste as plain text instead

  Only 75 emoji are allowed.

×   Your link has been automatically embedded.   Display as a link instead

×   Your previous content has been restored.   Clear editor

×   You cannot paste images directly. Upload or insert images from URL.

Sign in to follow this  

×
×
  • Create New...