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McCool

Der gemordete Midshipman.

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Als ich kürzlich nochmals in ein paar O'Brians las, fiel mir auf, daß doch eine recht große Zahl von Midshipmen verstümmelt oder gänzlich hinweggerafft wird. In "Feindliche Segel" wird Babbingtons Arm während des Gefechts der Polychrest zerschmettert, den er sich dann aber irgendwie ins Revers steckt und weitermacht. Letztlich muß er dann wohl immerhin doch nicht abgeschnitten werden.

Da fiel mir aber der arme Reade ein (er taucht in Lohn der Navy als Lt. in dieser Konfiguration auf), den es schlimmer erwischt und dem man im jugendlichen Alter einen eisernen Haken verpaßt. In erwähntem Roman wird mehr beiläufig erwähnt, wie der ca 14-jährige Midshipman Hanson, der Bastard des Duke of Clarence, aufgrund seiner Boxleidenschaft entstellt wird ("Blumenkohlohr"). In einem weiteren Roman wird ein arg gelichtetes Fähnrichslogis beschrieben, das u.a. einen Knaben beinhaltete, der aufgrund irgendeiner Krankheit kahlköpfig wurde.

Spektakulär geht es auch bei Foresters "Kapitän" zu. Im Gefecht mit der Natividad taumelt ein Bürschlein an Hornblower vorbei, dessen Leib zerfetzt wurde und der sich nur selbst noch mit seiner Jacke zusammenhält. Dem armen, schüchternen Schotten Galbraith wurden beide Beine abgerissen, und zudem muß er noch dazu in makabrer Weise als navarin de mouton d'amour dienen, damit sich Barbara und Hornblower näherkommen. Ein gewisser Clay liegt kopflos an Deck, aber ich weiß nicht mehr, ob das ein Midshipman war.

Nicht, daß nicht insbesondere O'Brian die Mißgeschicke anderer Bordgenossen auch schockierend beschreibt; grausam ist manchmal Maturins sachliche und gänzlich gefühlskalte Diagnose. Aber ermorden nicht Autoren mit besonderer Vorliebe diese jungen Offiziersanwärter? Ist das die Würze des typischen Seeromans? Besteht eine besondere Wirkung dieser jugendlichen Opfer darin, daß hier die Sphären der Kindheit und des Krieges, die man heute säuberlich geschieden wissen möchte, in irritierender Weise aufeinandertreffen?

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Dieses Phänomen ist mir auch schon aufgefallen. Vor allem, weil unsere Romanhelden ja trotzdem, obwohl sie all das wissen und erlebt haben, wollen, daß ihre Söhne auch zur Navy gehen und sie schon jung schicken, wie Jack, der sowohl Bruder als auch Sohn in jungen Jahren auf Schiffe seiner Freunde schickt. (Oder wird das bei George nur angekündigt?)

Wenn mir ein für mich typischer Gattungswechsel erlaubt ist, am extremsten ist das bei Cornwell. Ich glaube, der einzige mit Namen genannte Ensign, der das Ende eines Buches erlebt, ist Ensign Sharpe ...

 

Wäre, bei den Midshipmen, interessant zu erfahren, ob es bei denen wirklich so einen hohen Blutzoll gab. Vielleicht weil manche Schiffe so viel von ihnen und anderen jungen Knaben an Bord hatten, so daß rein statistisch schon mal eine Menge davon sterben mußten?

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Original von triere

Dieses Phänomen ist mir auch schon aufgefallen. Vor allem, weil unsere Romanhelden ja trotzdem, obwohl sie all das wissen und erlebt haben, wollen, daß ihre Söhne auch zur Navy gehen und sie schon jung schicken, wie Jack, der sowohl Bruder als auch Sohn in jungen Jahren auf Schiffe seiner Freunde schickt. (Oder wird das bei George nur angekündigt?)

George war sein kleiner Bruder, oder? Bekommt Jack in "Lohn der Navy" nicht einen Brief, in dem es heißt, daß George sich schlecht führe?

Original von triere

Wenn mir ein für mich typischer Gattungswechsel erlaubt ist, am extremsten ist das bei Cornwell. Ich glaube, der einzige mit Namen genannte Ensign, der das Ende eines Buches erlebt, ist Ensign Sharpe ...

..dann scheint also wirklich Methode dahinterzustecken..

Original von triere

Wäre, bei den Midshipmen, interessant zu erfahren, ob es bei denen wirklich so einen hohen Blutzoll gab. Vielleicht weil manche Schiffe so viel von ihnen und anderen jungen Knaben an Bord hatten, so daß rein statistisch schon mal eine Menge davon sterben mußten?

Ich meine mich jetzt doch schwach daran zu erinnern, daß ich neulich über ein Gefecht mit hohen Schiffsjungenverlusten gelesen zu haben. Hoffe nur, es war nicht gar bei O'Brian..? Aber hohe Verluste sind schon ziemlich wahrscheinlich, weil viele Mannschaften reichlich mit "boys" aufgefüllt wurden. Und dann fällt mir noch ein, was ich mal passend zum Fest der Liebe im "wußtet ihr..."-Thread über Nelsons lieblosen Verwandten gepostet hatte:

...was Nelsons Onkel, Kapitän Suckling, schrieb, als er darum gebeten wurde, den jungen Horatio als Midshipman an Bord seines Schiffes (Raisonnable, 64) zu nehmen? "What has poor Horace done, who is so weak, that he above all the rest should be sent to rough it at sea? But let him come; and the first time we get into action, a cannon - ball may knock off his head and provide for him at once."

Ziemlich fatalistische Zeiten. Dazu paßt durchaus die Stimmung, die O'Brian bzgl Verwundungen verschiedener Art verbreitet - herrlich, als Stephen Sophia in "Feindliche Segel" erzählt, wie er Jacks "Kopfschwarte" zusammengeflickt habe, oder daß "die Reste von Jacks rechtem Ohr" im Gefecht abgerissen wurden, er sie aber wieder annähte. Sophia erleidet jedesmal einen choc. :D Trotzdem habe ich immer noch das Gefühl, daß die Schicksale der jungen Gentlemen die besondere Aufmerksamkeit der Autoren haben, jedenfalls erfreuen sie sich doch wohl intensiverer Betrachtung als andere Fälle physischer Beschädigung...

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George ist der Sohn, Philip der Bruder. Und, ja, da war was, daß einer der beiden Probleme macht.

 

Ist halt die Frage, ob ich das nicht zu sehr aus weiblicher und vor allem heutiger Sicht sehe, wenn mich das wundert, daß sie ihre Söhne der Gefahr ausgesetzt haben. Denn gleichzeitig war es wohl auch eine Frage der Ehre und zweitgeborene hatten ja ohnehin nur Armee oder Marine, um sich einen Namen und vor allem ein Vermögen zu schaffen. Trotzdem fragt man sich, was die Mütter dazu gesagt haben. Lieber ein Sohn, der als Erwachsener ein armer Schlucker ist, als daß er als Kind in Fetzen gerissen wird. Aber gut, ich bin ein Weib.

Und England war ja nicht immer im Krieg.

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Im 18. Jhdt noch war auch das Offiziersdasein z.B. in Österreich nicht unbedingt eine Frage der Ehre, weil dieser Beruf für sich gesehen kein besonderes Ansehen genoß. Im Unterschied zu manchen deutschen Staaten, insbesondere natürlich Preußen, gab es eben auch viele Bürgerliche, die Offizer wurden bzw werden konnten. In Preußen war das ein fast ausschließliches Privileg des Adels, und da ergab war der Militärdienst tatsächlich eine Zwangsläufigkeit für Adelige - da konnte man eh nichts dagegen machen. In Großbritannien galt vielleicht für den Adel ein ähnliches Ethos wie in Preußen, aber sicherlich nicht derart extrem. Ich glaube, im Heer konnten auch Bürgerliche dienen, aber die besten Chancen für Bürgerliche bot sicherlich die Flotte. Zweifellose eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs, und auch wenn kein vernünftiges Weib (und Mann) es begrüßt hätte, daß ihrem Sohn als Midshipman auf HMS Lydia der Kopf fürs Vaterland abgerissen wurde, waren die Möglichkeiten des sowohl in Kriegs- wie in Friedenszeiten (i.Ggs. zum Heer) gefährlichen Dienstes eben auch zu berücksichtigen. Heute würde niemand mehr 12-oder 13 jährige als Kadetten zum Militärdienst schicken, aber im 18. und beginnenden 19. Jhdt war das tatsächlich ganz anders- vielleicht weil man den Militärdienst als Handwerk betrachtete, das früh gelernt sein sollte.

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Danke für die Erklärung! Ich habe das wohl ein bißchen zu sehr aus Romansicht gesehen, wo die meisten Helden ja durchaus stolz auf ihren Beruf und ihre Bindung an die Marine sind und es als persönliche Ehrensache sehen, zumindest einen ihrer Söhne dorthin zu schicken, so sie welche haben oder nicht auf Armeeabwege geraten wie der von Horny.

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Wenn man die z.B. in HDM veröffentlichten Verluste anschaut -oder auch die Verluste aus einzelnen Gefechtsberichten- bekommt man schon den Eindruck, dass in den meisten marinehistorischen Romanen sehr viel gestorben und verstümmelt wird. Für mich gehören POB's Romane da eher zu den etwas unblutigeren, schaut man sich dagegen Woodmann oder Kent an.

 

Dass es dabei vornehmlich Midshipmen oder Captains Servants erwischt, ist aber nur scheinbar richtig. Meist ist es doch so, dass es die meisten Opfer in der gesichtslosen Masse gibt. Unter denen, die in den Romanbesatzungen Gesicht und Namen haben, sind die Kadetten halt die grösste Gruppe, was schon rein statistisch dazu führt, dass sie unter den bekannten Opfern sehr stark vertreten sind.

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Original von triere

Danke für die Erklärung! Ich habe das wohl ein bißchen zu sehr aus Romansicht gesehen, wo die meisten Helden ja durchaus stolz auf ihren Beruf und ihre Bindung an die Marine sind und es als persönliche Ehrensache sehen, zumindest einen ihrer Söhne dorthin zu schicken, so sie welche haben oder nicht auf Armeeabwege geraten wie der von Horny.

Das Motiv der Ehre auszuschließen, hieße natürlich erst recht, die Sache aus einer anachronistischen, modernen Perspektive zu sehen, was ich nicht wollte. Auch ist sicherlich richtig, daß das Verhältnis von Eltern und Kindern im 18./19. Jhdt oft distanzierter war als heute (gerade beim Adel), und bei einer eventuell vorhandenen Großzahl von Kindern sah man den Verlust von ein, zwei im Gefecht vielleicht auch fatalistisch; siehe Sucklings Aussage über den jungen Nelson...

Übrigens heißt es in einer berühmten Kurzbiographie über Wellington:

Original von triere

Er zeigte sich in seiner Jugend wenig vielversprechend, weshalb seine Familie ihn zur Armee schickte.

Das ist nicht nur pointiert formuliert, sondern entbehrt sicher auch nicht der Wahrheit. Der begabte Sohn sollte vielleicht eher etwas politisches machen, den dummen schickt man lieber mal in die Armee. Das scheint auch ein Problem der britischen Armee gewesen zu sein, die im Durchschnitt sicher weit weniger "intelligent" war als z.B. die revolutionäre französische. Das englische Heer blieb relativ unintelligent, was sich auch im Krimkrieg zeigte, und zwar in allen Rängen. Es war in den untersten Rängen tatsächlich der Sammelpunkt für sozialen "Bodensatz", wenn man das mal so faschistoid bezeichnen möchte :D.

Original von Speedy

Dass es dabei vornehmlich Midshipmen oder Captains Servants erwischt, ist aber nur scheinbar richtig. Meist ist es doch so, dass es die meisten Opfer in der gesichtslosen Masse gibt. Unter denen, die in den Romanbesatzungen Gesicht und Namen haben, sind die Kadetten halt die grösste Gruppe, was schon rein statistisch dazu führt, dass sie unter den bekannten Opfern sehr stark vertreten sind.

Es läge ja in der Hand des Autoren, das zu ändern;) ; gerade bei o'Brian gibts ja auch mal ein paar "Namen" bei der Mannschaft, und gelegentlich geht ja auch mal einer davon drauf. Bei Kent kann ich nicht viel sagen, weil ich nur den chronologisch ersten kenne (obwohl da auch so ein paar typische "Opfer" aufgebaut werden, wenn ich mich recht entsinne), und Woodman kenne ich gar nicht. Übrigens verliert Reade wohl zu Beginn des Romans "Anker vor Australien" seine Hand beim Kampf mit den See-Dayak, und bei diesem Gefecht kommt auch mindestens ein weiterer Midshipman ums Leben (ein Lockenkopf).

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Bei Woodmann hatte ich beim Lesen der ersten Bände den Eindruck, man sollte sich am besten mit keiner der auftretenden Figuren indentifizieren, ein paar Seiten später ist er eh tot.

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Touché, werter McCool. :D

 

Zum Schicksal von Midshipmen in der Romanwelt kann ich nur "Ramage" beisteuern. Der ist, bei allem Unterhaltungswert, wie so oft etwas abseits der Realität. Ramage hat nur einen einzigen, mit Namen genannten Fähnrich, dessen Name mir entschlüpft ist und der ebenso ungeschoren durch die Serie kommt, wie alle, die Ramage am Herzen liegen.

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Du meinst sicherlich Giannas Neffen Paolo.

 

Ich merke gerade, dass ich Ramage schon lange nicht mehr gelesen habe. Mir ist zwar so, als ob er zumindest zeitweise noch einige wenige andere Midis hatte, doch fallen mir die Namen nicht ein.

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Danke, Speedy! Genau den meinte ich.

 

Und ich glaube fast, es werden sonst keine anderen erwähnt.

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Also Reade wird seinen Arm ja wohl im Gefecht mit diesen See-Dayak am Beginn von "Anker von Australien" los, wie erwähnt, und bei dem Gefecht gibts noch einen weiteren toten lockenköpfigen Midshipman, wie erwähnt. In Java nimmt Jack dann zwei dort gestrandete Mishipman an Bord, die aber erstmal ein wenig degradiert werden. Der "häßlichere" von beiden, Miller, wird als Sympathieträger aufgebaut, erlebt eine gewisse Begeisterung für die See, wird befürdert, bekommt von Reade dessen Fernrohr geschenkt, das dieser aufgrund seiner Einarmigkeit nicht mehr gebrauchen konnte - und wird dann im Gefecht mit der Cornelie zerfetzt. Interessanterweise geht Jack dieser Verlust tatsächlich nahe, und sicher nicht nur, weil er mit Millers Resten bespritzt wurde. Perfider Patrick!

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Einen besonders gemeinen Fall habe ich noch bei Forester im "Kapitän" gefunden. Nachdem die Sutherland einen Konvoi von Ostindienfahrern erfolgreich gegen zwei Freibeuter verteidigt hat, wird ihm der einzige Tote der Sutherland bei diesem Gefecht gemeldet: Fähnrich John Hart, dem ein Bein abgerissen wurde, und der sich, wie wir nur erfahren, "bereits an Bord der Lydia als vielversprechender Seemann erwiesen" hatte, "ausgerechnet Hart [hatte] fallen müssen, ein großer, junger Mann, der durch sein offenes und freundlichens Lächeln aufgefallen war. Hornblowers Laune war gründlich verdorben worden." Ich glaube, der letzte Satz ist ein Schlüsselsatz: Hornblower wird immer die Laune verdorben. :lol: Dazu mußte nun der arme Fähnrich Hart nach gerade zwei Dutzend Zeilen posthumer Existenz dran glauben! ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, daß er vorher jemals erwähnt wurde...

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Noch einer: Seekadett Longley, ein gewandtes Kerlchen, das Hornblower bei der mißglückten Landeoperation gegen Rosas vor der Gefangennahme bewahrte.

"Longley war ein häßlicher kleiner Kerl mit einem Affengesicht und struppigem Haar, aber dennoch empfand Hornblower so etwas wie väterliche Zuneigung zu ihm."

Es dürfte wohl klar sein, daß dies des armen Äffchens Todesurteil war; 30 Seiten später ist er tot, aber erst nachdem er sterbend Honrblower versichterte, er habe keine Angst..

Edited by McCool

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O'Brian hatte es von Beginn an auf Kadetten abgesehen.  In "Master & Commander" kommt ein junger Freiwilliger namens Henry Ellis an Bord. Er ist das Kind eines unausstehlichen Paares, das sich in Mahon sehr darum bemüht hatte, ihren armen Sproß auf Jacks Sophia unterzubringen, gegen die Zahlung von 50 Pfund. Dafür erlebte young Ellis auch ein bischen was, bevor er schließlich bei der Enterung der Cacafuego umkam. Der Anblick der Leiche bewegt Jack sehr. "The burials. That child Ellis in his hammock whith the flag sewed over him looked like a little pudding, and now at the recollection his eye clouded again." (S. 329).  Und  Jack hat den Eltern noch einen Brief zu schreiben.

Ein etwas anderer Fall ist der Tod des kleinen Mädchen Dil, das Stephen in "HMS Surprise" durch Bombay führt. Das ist richtig fies, besonders weil Stephen wohl letztlich durch eine großherzige Tat,seinen Tod verursacht hat.

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